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Der Lockdown und die Proteste : Ein bizarres Gefühl der Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Eine Demonstration in Atlanta am 2. Juni 2020. Bild: AP

Bei den Auseinandersetzungen in den Vereinigten Staate bröckeln alte Sicherheiten. Auch das scheinbar allmächtige System der weißen Dominanz. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Ein Department Meeting auf Zoom, vierzig Köpfe in ihren kleinen Karrees. Plötzlich rumort es im einen, dann im nächsten. Die kleinen Zoomfiguren heben ihre Handys auf und legen sie wieder hin. Vierzig Seufzer dringen durch den Äther. Es ist 16 Uhr, soeben haben alle von ihren verschiedenen Counties per SMS die Nachricht erhalten, dass auch heute Abend wieder Ausgangssperre herrscht. Zum dritten Mal in Folge. So ist 2020 in den Vereinigten Staaten.

          Übung haben die Amerikaner ja mittlerweile im erzwungenen Daheimbleiben, der Übergang war fließend. „Ich habe vergessen“, schrieb der Autor Shaun Scott auf Twitter, „ob wir gerade unter Seuchensperre oder Rassismussperre stehen.“ Aber andererseits kaschiert der fließende Übergang auch, dass der Zwang plötzlich ein ganz anderer ist und plötzlich von der Bevölkerung (oder zumindest Teilen der Bevölkerung) ganz anders aufgenommen wird. Wir sitzen weiterhin daheim herum, aber die Welt, die uns dazu zwingt, ist eine grundsätzlich andere geworden.

          Tränengas würde strömen

          Die Bilder sind kaum sechs Wochen alt, aber sie wirken wie aus einer anderen Zeit: die Proteste gegen die Corona-Politik der Gouverneure, oft unterstützt vom Präsidenten in Washington. „Wir sind es müde, die Dinge, die wir brauchen, nicht kaufen zu können“, sagte eine Demonstrantin in Lansing, der Hauptstadt Michigans, aus ihrem Auto in die Kameras, „nicht zum Friseur gehen zu können.“ In ihrer Hand ein Plakat mit „Land of the Free“.

          Ein reichlich ironisches Plakat. Was an den Bildern aus Lansing und anderswo aus heutiger Sicht am meisten beeindruckt, ist die Freiheit dieser Demonstranten. Nicht jene, die sie einforderten, sondern jene, auf die sie sich ganz selbstverständlich verließen. Mitten im Lockdown standen sie eng gedrängt zusammen, ohne Mundschutz, schwer bewaffnet – von der Polizei absolut unbehelligt und von den Medien hofiert. Die Medien hätten eine Verhaftung so empört begleitet, dass die Gouverneure vor Festnahmen zurückschreckten. Der Präsident machte sich mit ihnen gemein. Dieses Land gehörte ihnen, und jede Rücksicht, die man ihnen in seiner Nutzung abverlangen wollte, und sei es ein Mundschutz und ein bisschen Sicherheitsabstand, sahen sie als Freiheitsberaubung an.

          „Ich versuche mir vorzustellen“, schrieb der Professor Ibram X. Kendi damals auf Twitter, „was passieren würde, wenn Schwarze solchermaßen den Shutdown missachten würden.“ Und lieferte gleich eine Hypothese mit: „Das Tränengas würde strömen. Die Gefängnisse überlaufen. Trump würde ausflippen.“ Das war am 19. April. Kaum mehr als einen Monat später wurde Kendis These bestätigt. Nach den Morden an George Floyd und Breonna Taylor gehen sehr andere Demonstranten auf die Straße. Ihnen begegnet die geballte Gewalt des amerikanischen Staats.

          Und obwohl alle so taten, als gäbe es einen Lockdown: Es gab ihn nie, man konnte immer vor die Tür. Jetzt gibt es ihn. Jetzt, da die Protestierenden keine schwerbewaffneten Weißen, sondern unbewaffnete Schwarze sind. Und was vor drei Wochen nicht gegangen wäre, geht plötzlich. Dieselben, deren Liebe zur Bewegungsfreiheit noch im April absolut war, gehen plötzlich ganz handzahm nach Hause und beklatschen die Polizei. Wer in den Vereinigten Staaten ein natürliches Anrecht auf den öffentlichen Raum hat und wer dieses Recht effektiv nie ausüben kann, hat viel mit der Hautfarbe und der Identität zu tun.

          Das ungleiche Recht auf räumliche Entfaltung

          Überhaupt scheint es, als sei das Recht auf räumliche Entfaltung dieser Tage sehr ungleich verteilt. Gerade aus Washington gibt es viele Bilder von schwerbewaffneten und irgendwie uniformierten Gestalten, die irgendwelche Straßen abriegeln – aber für welche staatliche Instanz sie arbeiten, ob sie es überhaupt tun, ob sie Söldner sind, unabhängige Milizen oder einfach Privatpersonen mit Waffenschein und Rambo-Syndrom, das lässt sich selbst für die Presse nicht erkennen. Ihre scheinbare Legitimität, die Selbstverständlichkeit, mit der sie den öffentlichen Raum für Mitbürger abriegeln, entspringt einer seltsamen Mischung aus ihrer Bewaffnung, ihrer Uniformierung und ihrer Hautfarbe.

          Viele Zeitungen sprechen von einem Normbruch, aber das ist falsch: dies ist die Norm, war es immer schon. So hat sich das weiße Amerika ja die Vereinigten Staaten überhaupt erst zusammengerafft. Und auch die Polizei war lange im Grunde genommen jene Bürgerwehr, die die Reichen vor Migranten, Schwarzen und Proletariern schützte. Schon immer zelebrierten die Vereinigten Staaten bevorzugt Freiheiten, die sie Minderheiten vorenthielten. Und schon immer fütterten sie Freiheiten durch den Schredder, bevor die falschen sie für sich in Ansprung nehmen konnten.

          Die Wucht der Proteste

          Und doch: Es ist beeindruckend, wie stark diese Fragen mittlerweile im Mainstream angekommen sind. Wie offen der Begriff der „White Supremacy“, das rassistische System zur Sprache kommen. Die Vereinigten Staaten haben dieses Drama schon zu oft durchgespielt, als dass man einfach denken dürfte, diesmal komme alles anders. Aber man spürt, irgendwann wird es anders kommen, warum nicht diesmal?

          Mittwochnachmittag in San Francisco: Die Schüler der Mission High School an der 18th Street haben zum Protest aufgerufen, Zehntausende sind dem Aufruf gefolgt. Menschen aller Hautfarben, vor allem junge Menschen außerhalb der Covid-Gefahrenzone. Jugendliche, deren Schulen sie nicht mehr vom Demonstrieren abhalten können, weil es diese Schulen nur noch online gibt. Junge Arbeiter, die sich Zeit zum Demonstrieren nehmen können, weil sie für Lieferdienste fahren und keine geregelte Arbeitszeit mehr haben. Aber es gibt auch ganze Kontingente von Krankenschwestern, die direkt vom Dienst kommen. Und in zwei Stunden des Schlenderns und Fragens trifft man keine einzige Person ohne Maske.

          Ibram X. Kendi, Autor des Buchs „How to be an Antiracist“

          Viele junge Schwarze sind natürlich dabei, aber noch besser vertreten sind Transparente, auf denen andere für die Rechte ihrer Mitmenschen eintreten: Filipinos for Black Lives, Asians for Black Lives, Arabs for Black Lives, und so weiter. Die Menschen sind nicht für sich hier, nicht für ihre eigenen Forderungen. Es geht ums Prinzip, um die Gemeinschaft, nicht um pampig vorgetragene Privatprivilegien.

          Die Soziologin Tressie McMillan Cottom hat darauf hingewiesen, dass die letzten Monate des Lockdowns wohl den Boden für die ungemeine Wucht dieser Proteste bereitet haben: Der Lockdown hat jene Instanzen ausgehebelt, die normalerweise die Energie der Proteste abmildern – die Schule, der Arbeitsplatz, das Privatleben. Und so stehen sich plötzlich isolierte Menschen gegenüber, die fast unvermittelt wieder zur Masse werden – ein, bei allem Zorn, erhebendes Gefühl.

          Die Polizei klammert sich an Floskeln

          Es ist, als hätte die Realität sie radikalisiert. Mit den schicken schwarzen Masken, die in San Francisco alle tragen, sehen sie sowieso so aus wie der Schwarze Block. Die Vermummungsgebote haben sie wie Anarchisten aussehen lassen, die Handlungen ihres Präsidenten haben sie zur Antifa gemacht. Ein wenig benommen, ein bisschen blinzelnd nehmen sie diese Rollen an. Mütter mit Kindern mit Transparenten über die Abschaffung der Polizei, eine Kirchengruppe mit einem „Fuck White Supremacy“-Poster.

          Und ein bizarres Gefühl der Hoffnung. Was ist in den letzten Monaten, Wochen, Tagen nicht alles passiert, das vorher unvorstellbar war? Eine Pandemie, eine Welt ohne Sport, ohne Schule. Ausgehverbote. Ein Senator, der auf den Seiten der „New York Times“ von Schüssen auf Demonstranten phantasiert, ein Präsident, der die Armee Tränengas auf Demonstranten schießen lässt, um sich für einen Werbespot ablichten zu können.

          Alte Sicherheiten sind weggebrochen – der Rechtsstaat, die repräsentative Demokratie, die ohnehin fadenscheinigen Versprechungen des amerikanischen Traums. Wieso sollte es dem allmächtigen System der White Supremacy anders ergehen? Alles bröckelt um die Proteste herum: Die Polizei klammert sich an alte Floskeln, die man ihr jahrzehntelang durchgehen ließ und plötzlich nicht mehr. Auf den Nachrichtenkanälen fluchen Reporter während sie vor der Ordnungsmacht davonlaufen, und keiner macht sich mehr die Mühe, sie zu zensieren, oder für die „shits“ und „fucks“ um Entschuldigung zu bitten. Die Gegenwart ist brüchig geworden, macht sich kaum selbst mehr mit. Ist es Wahnsinn zu meinen, dass da etwas genuin Neues durchschlüpfen könne?

          Der Autor ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Stanford.

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