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Jochen Hieber (hie.)

Der kurze Boxkampf : Handke und ich

In einem Gespräch mit dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hat der Dichter Peter Handke jüngst seine Version einer Handgreiflichkeit mit mir aus dem Jahr 1987 erzählt. Sie stimmt nicht.

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          In der vergangenen Woche haben die Journalisten Malte Herwig und Sven Michaelsen im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ein langes Gespräch mit dem Dichter Peter Handke geführt. Es geht dabei um den Anfang Dezember als Buch erscheinenden Briefwechsel Handkes mit seinem 2002 gestorbenen Verleger Siegfried Unseld, um das Verhältnis des Autors etwa zu Thomas Bernhard oder zu Marcel Reich-Ranicki - vor allem aber dreht sich das Interview naturgemäß um Handke selbst.

          Dabei sprechen ihn Herwig und Michaelsen auch auf einen Charakterzug an, den Handke einmal seine „seltsame Bereitschaft zur Entzweiung“ genannt hat. Als Handke darauf eher abstrakt repliziert, fragen sie konkret nach: „Dem FAZ-Journalisten Jochen Hieber sollen Sie einen Faustschlag versetzt haben.“ Handke entgegnet: „Eine Ohrfeige war das. Ich wollte ihn mir vom Leibe halten. Es war ein Festabend, und er hat sich extra hinter mich gesetzt und mir dauernd Sticheleien ins Ohr gezischelt. Irgendwann habe ich mich umgedreht und ihm eine runtergehauen. Und dann hat er geweint und gesagt, er würde mich doch so lieben.“

          Daran, ich war der angeblich Geohrfeigte, ist nichts wahr. Vielmehr spielte sich die Szene auf dem Parkplatz eines Restaurants in der Nähe des Treviso-Städtchens Asolo ab. Spätes Frühjahr 1987.

          „Schreiber-Bubi von der FAZ“

          Im Restaurant hatten Handke und ich den ganzen Abend weit voneinander entfernt gesessen und kein Wort miteinander gewechselt. Gegen Mitternacht machten sich Autoren, Verleger, Kritiker sowie Freunde des Petrarca-Preisträgers Hermann Lenz auf den Weg zum Bus, der sie ins Tagungshotel zurückbringen sollte.

          „Da bist du ja schon wieder, du Schreiber-Bubi von der FAZ“, rief mir Handke auf dem Parkplatz zu. Schon am Morgen hatte er so gestichelt - und vor versammelter Mannschaft dabei den Vortrag von Hanno Helbling gestört, weiland Kulturchef der „Neuen Zürcher Zeitung“. Deshalb antwortete ich jetzt: „Lass mich endlich in Frieden, du Federwetzer vom Mönchsberg“ - Handke lebte damals in Salzburg.

          Darauf er so laut, dass alle es hörten: „Er hat mich beleidigt!“ Gleich darauf streifte mich sein Fausthieb, meine Brille ging zu Boden, zugleich bezog ich Abwehrstellung. Es gab ein paar recht wirkungslose Schläge hin und her, dann beendeten einige Mitarbeiter unseres Gastgebers, des Verlegers Hubert Burda, den Kampf abrupt, indem sie Handke erst umklammerten und dann wegzerrten.

          Zum Weinen war kein Grund. Geliebt habe ich Handke nie. Zumal seine frühen Arbeiten, darunter sein phänomenales Fußballgedicht „Die Aufstellung des 1.FC Nürnberg vom 27.1.1968“, aber verehrte ich und werde sie immer verehren. Sie gehören ganz elementar zu meinem Leseleben.

          Jochen Hieber
          (hie.), Freier Autor

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