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Der Kunstraub in Rotterdam : Wie die gelbweiße Dame verschwand

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Eins der sieben Bilder, die am Dienstag morgen aus dem Museum in Rotterdam gestohlen wurden: Henri Matisses „Reading Girl in White and Yellow“ von 1919 Bild: dapd

Aus der Kunsthalle Rotterdam wurden in der Nacht zum vergangenen Dienstag sieben millionenteure Gemälde der Klassischen Moderne gestohlen: Wie ist so etwas möglich?

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          Das erste Opfer stand schon am frühen Morgen fest. Durch eine riesige Glasscheibe konnte ein Fotograf jene Stelle aufnehmen, an der noch bei der Ausstellungseröffnung gut eine Woche zuvor in einem goldenen Stuckrahmen „La Liseuse en blanc et jaune“ von Henri Matisse hing. Nun war die Wand leer, und an Stelle des millionenteuren Gemäldes gab es nur noch die beiden Metallschienen zu sehen, an denen es vorher befestigt war.

          Zunächst hatten die Verantwortlichen in der „Kunsthal Rotterdam“ gehofft, es handele sich nur um ein einziges Bild, das beim Einbruch in das Ausstellungshaus im Stadtzentrum am frühen Dienstagmorgen zwischen 3 und 4Uhr gestohlen worden war. Lange gab die Polizei keine weiteren Details bekannt. Irgendwann ließ sich dann aber nicht mehr verheimlichen, dass insgesamt sieben Werke, zusammen im zweistelligen Millionenwert, fehlten und dass der Einbruch sehr sorgfältig vorbereitet gewesen sein muss. Kann das aber in der kurzen Zeit von nur einer Woche nach der Eröffnung möglich gewesen sein? Ohne dass die Kunstdiebe Hilfe von Dritten hatten, die die Kunsthalle und die Ausstellung sehr gut kannten - und das wahrscheinlich schon seit längerem?

          Die weiteren sechs gestohlenen Bilder: Paul Gauguins „Frau vor offenem Fenster“ von 1898 Bilderstrecke

          Stutzig machen die vielen kleinen Zufälle: Die Täter wussten offenbar genau, wo jene Werke hingen, die in ihr Beuteschema passten - kleinformatige Ölbilder und Pastelle, die wertvoll sind, weil sie von bedeutenden Künstlern der Klassischen Moderne stammen. Gauguin und sein Malerfreund Meyer de Haan, Matisse und Monet sowie dann aus der Nachkriegszeit Picasso und Lucian Freud.

          Leere Haken an der Wand

          Viel wertvollere Bilder, die nicht weit entfernt hingen, blieben an der Wand: eines der größten Blumenstillleben von Van Gogh zum Beispiel, das lange in der Sammlung von Harries-vonSiemens in Kiel hing; oder eine der Kompositionen von Mondrian, eine Vétheuil-Ansicht in Öl von Monet, ein Frauenporträt von Modigliani oder ein kubistisches Werk von Picasso. Die unbekannten Täter entschieden sich stattdessen für einen späten und weitaus weniger bedeutenden Harlekinkopf Picassos von 1971 - wohl, weil er kleiner und leichter und besser zu transportieren war. Sie wussten offenbar, wie sie so schnell in das Gebäude im Rotterdamer Museumspark hinein- und wieder hinauskamen, dass die Polizei keine Chance hatte, sie zu stellen.

          Dass man an bestimmten Stellen mit einem Lieferwagen bis an die 1992 eröffnete Kunsthalle heranfahren kann. Dass in nur fünfhundert Meter Entfernung an der Westerkade der Abtransport der Beute auch übers Wasser möglich war. Dass es in der Kunsthalle selbst nachts kein Wachpersonal gibt - nur Kameras und Alarmanlagen, wie mit der Versicherung und den Leihgebern vereinbart. Die Geräte schlugen in der Nacht auch an, sie alarmierten eine Sicherheitsfirma, die einen Mitarbeiter zur Kunsthalle schickte, und die Polizei.

          Als diese eintraf, waren die Einbrecher aber längst verschwunden. Was blieb, waren die leeren Haken an der Wand, wo die „Lesende“ von Matisse, die beiden Londoner Brücken-Pastelle von Monet, die Frau am Fenster von Gauguin zuvor hingen. Fest steht: Um eine so kurze Zeitspanne und das damit verbundene Risiko erfolgreich kalkulieren zu können, braucht man sehr gute Informationen.

          Fälschungen und Rekordpreise

          Die sieben gestohlenen Werke stammen aus der Triton Collection, die das niederländische Unternehmerpaar Willem und Marijke Cordia seit Jahrzehnten zusammengetragen hatte. Einzelne Bilder hatten sie als Leihgaben dem Van- Gogh-Museum in Amsterdam zur Verfügung gestellt; andere wurden in exquisiten, vom langjährigen Kurator Peter van Bevern zusammengestellten Ausstellungen im Gemeentemuseum Den Haag gezeigt. Lange Zeit wussten nur Eingeweihte, wer sich hinter „Triton“ verbarg. Die Cordias und ihre Familie schützten ihre Privatsphäre - und damit auch ihre Kunstschätze.

          Aber mit dem Beltracchi-Skandal kamen die Besitzverhältnisse dann doch an die Öffentlichkeit: In der Londoner Galerie Waring Hopkins hatte Cordia einen falschen Max Ernst, aus anderer Quelle ein falsches Frauenporträt Van Dongens gekauft. Vor allem die Entlarvung dieses Bildes, das in seinem Apartment in New York hing, als Fälschung schmerzte Cordia sehr.

          Seinen anderen Van Dongen, das um 1910 entstandene Bildnis „La Gitane“, hatte er im Februar 2010 bei Christie’s in London für den Rekordpreis von 7,1 Millionen Pfund versteigern lassen. Dem Vernehmen nach verzichtete das Auktionshaus damals sogar auf die übliche Einliefererkommission, um das Bild zu bekommen. Danach galt Cordia der von Beltracchi verfertigte „Frauenakt mit Hut“ nach eigenem Bekunden als liebstes Werk seiner Sammlung.

          Die erste Gesamtschau der Cordias

          Die schon erwähnte lesende blaue Dame von Matisse hatte er im Jahr 2000 über die Zürcher Galerie Römer aus der Sammlung der Stiftung Emil Georg Bührle erworben; deren Satzung ließ damals noch Verkäufe zu. Es dauerte lange, den niederländischen Sammler davon zu überzeugen, seine Sammlung erstmalig im Zusammenhang zu zeigen - eben in Rotterdam, der Stadt, die ihn reich gemacht hat.

          Als Willem Cordia, den man in seiner Heimat den „Baron des Rotterdamer Hafens“ nannte, im März 2011 als einer der reichsten Männer der Niederlande starb, übernahm seine Frau das Projekt. Der Sammlungskurator Peter van Bevern wurde kurzerhand entlassen. Erst vor wenigen Tagen erschien der Gesamtkatalog der Triton Collection. Gleichzeitig wurden hundertfünfzig Werke der Sammlung zum ersten Mal als Gesamtschau in der Rotterdamer Kunsthalle gezeigt.

          Die Diebe müssen die acht Tage seit der Eröffnung genutzt haben, um die Position der Bilder in den Räumen zu recherchieren. Dass die Rotterdamer Kunsthalle zahlreiche gläserne Außenwände hat, hinter denen die Werke ohne Zwischenschutz gut sichtbar hingen, dürfte ihnen sehr geholfen haben. Trotzdem spricht vieles für einen „Insider-Job“, bei dem feste oder freie Mitarbeiter des Ausstellungshauses den Tätern geholfen haben könnten. Bei Kunstdiebstählen in der Vergangenheit - etwa dem Raub zweier Turner-Gemälde 1994 aus der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt oder dem Einbruch ins Van-Gogh-Museum 1991 - waren Mitarbeiter beteiligt. Die Polizei wertet nun die Aufnahmen der Überwachungskameras aus, um festzustellen, ob Mehrfachbesucher aufgefallen sind.

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