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Der Kern der Revolte : Arabiens neues Selbstbewusstsein

  • -Aktualisiert am

Machtkampf in Kairo am 2. Februar 2011 Bild: dpa

Die Despotendämmerung in Tunesien und Ägypten wird heute euphorisch begrüßt. Bald könnte für den Westen ein verkatertes Erwachen folgen. Denn anders als beim Fall der kommunistischen Diktaturen waren die Herrscher dort seine Günstlinge.

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          Arabischen Potentaten hat die Stunde geschlagen: Mubarak, einer der mächtigsten unter ihnen, dankt ab. Wann er endgültig den Hut nimmt, ist nur eine Frage der Zeit. Wohin die Protestwelle führen wird, die mit den Umstürzen in Tunesien und Ägypten begann und in der Absetzung der jordanischen Regierung durch König Abdullah II. sowie der Ankündigung des jemenitischen Staatschefs Salih, auf eine weitere Amtszeit verzichten zu wollen, ihre Fortsetzung fand, ist ungewiss.

          Der Vergleich mit den mehr oder minder friedlichen Revolutionen, die 1989 den osteuropäischen Kommunismus zum Einsturz brachten, scheint sich aufzudrängen, aber bis auf den durch die jüngsten Ereignisse in Tunis ausgelösten Schneeballeffekt sind die Unterschiede weit größer als die Gemeinsamkeiten. Ein Unterschied sticht besonders ins Auge: Im arabischen Fall fehlen in vorderster Reihe jene intellektuellen Symbolfiguren, wie sie einst osteuropäische Dissidenten vom Format eines Václav Havel oder eines Adam Michnik verkörperten. Jene Schriftsteller und Publizisten hatten durch ihre wiederholte Inhaftierung fast schon Märtyrerstatus erlangt, und genau das wussten – und wissen noch immer – die autoritären arabischen Regime zu verhindern.

          Zwar ließen sie ihre intellektuellen Gegner agieren, allerdings nur in gewissen Grenzen. Kritik an der Person des Herrschers war nicht erlaubt, Kritik am System nur insofern, als sie nicht dessen Ablösung forderte. Im Gegensatz zu Osteuropa duldeten säkulare arabische Regime eine politisch organisierte Opposition, es gab, anders als im damaligen Ostblock, auch mal mehr, mal weniger freie Wahlen, deren dem Regime genehmen Ausgang die Machthaber durch Manipulationen sicherten.

          Husni Mubarak spricht im ägyptischen Fernsehen am 28. Januar 2011
          Husni Mubarak spricht im ägyptischen Fernsehen am 28. Januar 2011 : Bild: dapd

          Ein zweiter Befreiungsakt

          Zwar hat es derzeit den Anschein, dass es in Ägypten am runden Tisch bald zu Gesprächen zwischen Regierung und Opposition kommen könnte, etwa von der Art, wie sie einst zur Regelung der Machtübergabe im postkommunistischen Polen veranstaltet wurden. Mag in einem solchen Fall der Vergleich zu Osteuropa noch so plausibel erscheinen, so hinkt er in einem gravierenden Punkt: Die kommunistischen Diktaturen waren nicht auf die Unterstützung des Westens angewiesen, wie es die – trotz oder gerade wegen ihres autoritären Charakters – zunehmend kapitalistisch ausgerichteten Regime in Tunesien oder in Ägypten waren und immer noch sind.

          Die Systeme Mubarak oder Ben Ali wären ohne das wirtschaftliche Engagement und die militärische Hilfe des Westens kaum überlebensfähig gewesen. Auf keinen Fall hätten sie sich mehrere Jahrzehnte lang halten können. Wenn jetzt Demonstranten auf dem „Platz der Befreiung“ in Kairo Präsident Mubarak einen „amerikanischen Agenten“ schimpfen, so ist dies zwar überspitzt, aber keineswegs wirklichkeitsfremd. An diese antiwestliche Sicht der Dinge, die vermutlich von vielen in der ägyptischen Bevölkerung geteilt wird, muss man sich im Westen, wo der einstige „Freund“ Mubarak über Nacht zum „Despoten“ mutierte, erst gewöhnen.

          Und nicht nur daran. Womöglich führt der Revolutionssturm in Arabien zu einer neuen Formulierung des Verhältnisses zwischen einer bald weit emanzipierteren, auch selbstbewussteren arabischen Welt und einem verstörten Okzident. Dies wäre seine nicht minder bedeutende Errungenschaft: ein Befreiungsakt von zumindest ebenso historischer Dimension wie der Sturz der verhassten Potentaten.

          Die Profiteure des alten Regimes

          Man sollte nicht in jene Verklärung des freiheitlichen Aufbegehrens der Massen verfallen, wie sie sich einst in die westliche Wahrnehmung der antikommunistischen Revolutionen Osteuropas eingeschlichen hatte. Die Euphorie im Westen folgte damals auch aus der klammheimlichen Freude über die Niederlage des Erzfeindes Kommunismus, was sich freilich im Falle der arabischen Länder gerade umgekehrt verhält. Das jetzt als korrupt angeprangerte System basiert größtenteils auf einem importierten westlichen Kapitalismus neoliberaler Art, der die Wohlstandserwartungen einer schnell wachsenden Bevölkerung nicht erfüllen konnte; wohl auch deshalb, weil er – noch stärker und noch schneller als in seiner Heimat im Westen – die explosive Konstellation schuf, in der die Reichen, die Günstlinge des Regimes, immer reicher und die Armen immer ärmer wurden.

          Gezündet hat den arabischen Revolutionsfunken, nicht unähnlich zur Ausgangssituation im einstigen Ostblock, der wirtschaftlich begründete Protest. Er bleibt nach wie vor eine wichtige Motivation, auch wenn es nun ums Ganze, um den politischen Systemwechsel geht. Diesen wollen allerdings bei weitem nicht alle in den arabischen Ländern. Wenn die Demonstranten in Kairo oder Alexandria skandieren „Das Volk will den Sturz der Regierung“, so sind mit „Volk“ vor allem die Verlierer des Systems Mubarak gemeint und nicht dessen Gewinner. Wenn den demonstrierenden Massen jetzt im Westen euphorisch Sympathie entgegengebracht wird, so könnte bald die Ernüchterung folgen: Lehrt doch das postkommunistische Beispiel, dass die Profiteure des alten Regimes, ob in politisch neuem Gewand oder als mächtige Unternehmer, seinen Sturz durchaus überleben könnten. Dass jetzt ihre Schlägertrupps auf die friedlichen Demonstranten, so jedenfalls der Stand am gestrigen Nachmittag, losgelassen werden, zeigt, dass das letzte Wort längst noch nicht gesprochen ist.

          Mubarak sieht sich als Vater der Nation - bis zuletzt

          Zweimal hat der gestürzte, nur noch auf Zeit amtierende ägyptische Staatspräsident Husni Mubarak seit dem Beginn der Proteste zu seinem Volk gesprochen. Wie die erste Fernsehansprache am 28. Januar sollte auch die zweite von vorgestern dem Erhalt seiner Macht dienen - beide Male war es der Versuch, Zeit zu gewinnen. In seiner ersten Rede an die Nation versprach der Potentat mit einer gehörigen Portion an patriotischem Pathos, sich vor allem um die wirtschaftlichen Bedürfnisse seines Volkes zu kümmern. Man hätte die Wirtschaft nicht allein den Ökonomen überlassen sollen, bedauerte der Vater von Gamal Mubarak, einem der mächtigsten Wirtschaftsbosse im Land, den er noch vor wenigen Monaten zu seinem Amtsnachfolger hatte küren wollen.

          Dass vor diesem Hintergrund das anschließende Versprechen des Staatspräsidenten, für mehr politische Freiheiten zu sorgen, die Massen kaum überzeugte, wundert nicht. So stand Mubarak bei seiner zweiten Fernsehrede schon weit mehr unter Druck, doch auch jetzt ließ sich der zweiundachtzigjährige ehemalige Chef der Luftwaffe davon nichts anmerken. Gleichwohl schwang eine gewisse Trauer in seinen Worten mit - und diese schien nicht nur geheuchelt.

          Dennoch strahlte Mubarak noch immer jene Souveränität aus, die einen der bislang mächtigsten und treuesten Verbündeten des Westens in der arabischen Welt schon immer ausgezeichnet hat und stets Teil seines Charismas wie auch seiner Popularität war - wie beliebt er lange Jahre in Ägypten war, wird jetzt nur allzu schnell vergessen. Mubaraks zweite Ansprache, fast schon eine Abschiedsrede, zeigte ihn als einen Staatsmann, der sich auch dann noch als Diener seines Volkes versteht, wenn er zur Sicherung des Gemeinwohls zu härteren Methoden greifen muss. Als wohlwollender Vater der Nation will er seinem Volk in Erinnerung bleiben. Doch dies dürfte schwierig werden, denn aus seinen Worten sprach immer noch die Arroganz der Macht.

          So räumte er zwar neben seinem sachlich vorgetragenen Fahrplan zur bevorstehenden Machtübergabe eigene Fehler ein, gab aber die Schuld daran, dass manche Proteste blutig endeten, den „Provokateuren“. Auch wenn Mubarak bei dieser Darstellung der Angriffe von Randalierern auf staatliche Einrichtungen und Polizeikräfte vermutlich nicht ganz falsch liegt, so könnte dies auch als Vorgriff auf eine Verteidigungsrede gelesen werden, an der der Staatschef, sollte er sich eines Tages vor Gericht verantworten müssen, jetzt schon feilt. Seine Vorsicht ist nicht unbegründet. Durch die Köpfe vieler Demonstranten schwirren die abenteuerlichsten Verschwörungstheorien.

          So wollte manch Protestierender Mubaraks abschließende Beteuerung, er werde in dem Land, dessen Interessen er bis zuletzt gewahrt habe, auch sterben, als verschlüsselten Aktionscode für das Militär verstanden wissen. Doch der betagte ägyptische Präsident meinte tatsächlich, was er sagte: Anders als sein tunesischer Amtskollege Ben Ali scheint der kriegserprobte ehemalige General Mubarak definitiv nicht vorzuhaben, Vaterlandsflucht zu begehen. (croit.)

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