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Kommentar zu Geschmacksurteil : Der Käse ist frei

Kunstfertigkeit ist ihnen ganz gewiss nicht abzusprechen: Gruppenbild der französischen Spitzenköche Joël Robuchon (r.), Jacques Chibois (unten), Jacky Fréon (unten l.), Michel Bras (oben l.), Jean Bardet (oben) und Emile Jung (oben r.) aus dem Jahr 1987. Bild: AFP

Auch wenn das EuGH-Urteil manchen Spitzenköchen und Gourmets nicht schmecken dürfte: Würde Kochen wie Kunst behandelt, müsste man den kulinarischen Betrieb umgehend einstellen.

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          Köche sind keine Künstler, denn sie schaffen keine Werke. Das ist jetzt grundsätzlich und höchstrichterlich vom Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) in Luxemburg entschieden worden, der sich allerdings weder mit Joël Robuchons legendärem Kartoffelpüree noch mit Dieter Müllers epochalem Amuse-Bouche-Menü, sondern mit holländischem Streichkäse befassen musste.

          Geklagt hatte der Hersteller des Heksenkaas, eines cremigen Frischkäsekräuteraufstrichs, der für den Geschmack seines Produkts ein Urheberrecht durchsetzen wollte, um damit einem Konkurrenten den Verkauf von dessen aromatisch weitgehend identischem Wievenkaas zu verbieten. Doch die europäischen Richter haben sich für die Freiheit des Geschmacks entschieden. Dieser sei nicht präzise und objektiv zu bestimmen und deswegen kein Werk im herkömmlichen Sinne des Copyrights. Lebensmittelproduzenten – und damit auch Köche – könnten also für ihre Kreationen nicht dieselben Rechte geltend machen wie Schriftsteller, Musiker oder Maler, weil die Definition von Geschmack immer eine Frage individueller und subjektiver Urteile sei, die wiederum von Faktoren wie Alter, Ernährungsgewohnheiten oder persönlichen Präferenzen beeinflusst würden.

          Auch wenn es manchen Spitzenkoch schmerzen und jeden Feinschmecker empören muss, dass der EuGH in seiner juristischen Kleingeistigkeit die Schaffung von Geschmack nicht als Werk einstuft, weil ihm dabei der Akt der geistigen Schöpfung fehlt, trifft das Luxemburger Urteil die Kerntemperatur der Sache. Denn wenn jeder Koch für seine Gerichte ein Copyright beanspruchen und den Kollegen im Falle des Nachkochens die Anwälte auf die Pelle schicken könnte, müsste man den kulinarischen Betrieb umgehend einstellen.

          Vor Gericht anstatt am Tisch über Geschmack zu streiten bedeutete das Ende der Kochkultur. Guten Geschmack nicht frei von allen rechtlichen Fesseln in die Welt tragen zu dürfen führte zu aromatischer Verödung, denn das Glück des Genusses besteht gerade in seiner grenzenlosen Reproduzierbarkeit. Und es bleibt ja jedem Gourmet der Trost, dass der Europäische Gerichtshof Köchen zwar den Künstlerstatus, nicht aber ihre Kunstfertigkeit absprechen kann – sofern sie sich nicht an holländischem Streichkäse versuchen.

          Einen Barren Foie gras in eine unsichtbar hauchfeine Scheibe Ananas einzuschlagen, wie es der Drei-Sterne-Großmeister Klaus Erfort tut, um die ideale Balance aus süßer Schwere und frischer Säure zu schaffen, ist ein ewig währender, kulinarischer Geniestreich. Und eine Schalotte im Kaffeesatz zu garen, wie es dem wunderbaren spanischen Koch Diego Guerrero in den Sinn gekommen ist, um den Geschmack von Zwiebel und Bitterkeit völlig neu zu definieren, steht den weichen Uhren Salvador Dalís nicht nach. Wer über solche Kunst gebietet, fügt sich deshalb leicht ins Schicksal, ein Meister nur des Moments, ein Knecht der Vergänglichkeit, ein Schöpfer flüchtiger Werke zu sein, die keinen Bestand haben, weil ihr Genuss sie zum Verschwinden bringt. Was bleibt, ist das Glück der Erinnerung an den Geschmack. Und dafür hat jeder Gourmet sein persönliches Urheberrecht.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

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