https://www.faz.net/-gqz-a5pc2

Autor Yukio Mishima : Vom Streben und Sterben

  • -Aktualisiert am

Musiker wie Regisseure widmen sich dem Autoren

Dieser frivole Mishima, der nicht vor Kitsch, trash und Wahnwitz zurückschreckt, lässt sich beispielsweise in dem 1968 entstandenen und soeben in deutscher, englischer, französischer und italienischer Übersetzung erschienenen Roman „Leben zu verkaufen“ entdecken. Daneben entsteht seine minutiös geplante und recherchierte Romantetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, deren letzter Band „Die Todesmale des Engels“ postum erschien. Denn das Manuskript gab er erst am Morgen seines Todestages im Verlag ab. Eine Woche zuvor hatte er noch eine große Ausstellung über sein Schaffen in einem Tokioter Kaufhaus eröffnet. Und auch hier ging sein Plan auf: Einer der ersten ausländischen Biographen orientierte sich 1975, wie später 1985 auch der amerikanische Filmregisseur Paul Schrader mit seinem Film „Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln“ und der Musik von Philip Glass, an der Struktur, die der Autor selbst für die Ausstellung vorgegeben hatte.

Über wenige Schriftsteller dürften mehr Bücher und Artikel verfasst worden sein als Mishima. Als in Japan eine große intellektuelle Monatszeitschrift zur Jahrtausendwende eine Umfrage zu den zwanzig einschneidendsten Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts veranstaltete, wurde das Datum seines Selbstmords an zweiter Stelle nach dem 15. August 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan, genannt – deutlich vor dem Ende der Showa-Ära oder beispielsweise dem Fall der Berliner Mauer.

 F+ FAZ.NET komplett
F+ FAZ.NET komplett

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

Jetzt F+ kostenlos sichern

Regisseure wie Robert Wilson, Ingmar Bergman, Andrzej Wajda und Ferdinando Bruno haben seine Stücke inszeniert, Maurice Béjart widmete ihm das Ballett „M“. Benoît Jacquot und Lewis John Carlino verfilmten Mishima-Romane, und Hans Werner Henze, Toshiro Mayuzumi und Hosokawa Toshio komponierten Opern und Musikstücke. Zu den Autoren, die buchlange Essays über ihn verfassten, zählen Marguerite Yourcenar, José Luis Ontiveros und Henry Miller sowie bekannte Psychologen und Kulturkritikerinnen wie Hélène Piralian und Catherine Millot. Die Liste der Autoren aus vielen Sprachen und Weltregionen, die sich literarisch an ihm abarbeiten, wächst Jahr für Jahr.

Selbst in Japan, wo zwischen 2000 und 2006 die neueste Kritische Werkausgabe in 45 dickleibigen Bänden vorgelegt wurde, kennt man zumeist nur einen kleinen Ausschnitt aus seinem Œuvre. Manch ein prominenter jüngerer Autor macht erst auf globalen Umwegen mit ihm Bekanntschaft. Kazushige Abe, Jahrgang 1968, der inzwischen mit einer Mishima-Dramenparodie hervorgetreten ist, gestand, dass er erst durch den von David Bowie gesungenen Titelsong eines Films von Nagisa Oshima auf Mishima stieß und zum Schreiben fand. Die neuerliche Attraktivität Mishimas lässt sich wohl auch auf die künstlerische Vielseitigkeit zurückführen, mit der er sich in allen Sparten, von der Hochkultur bis zur Subkultur, bewegte, so dass auch noch die jugendlich-kitschigen Romanzen der heutigen Mädchen-Manga und martialische Videospiele in seinem Werk einen Angelpunkt finden.

Für diverse Gruppierungen fungiert Mishima als globale Ikone, seien es Neokonservative und Nationalisten, aber auch Neofolk, Bodybuilder und LGBTQ. Für postmoderne Romanautoren ist er besonders attraktiv. Wenn sich etwa Christian Kracht in seinem 2016 erschienenen Roman „Die Toten“ oder Dany Laferrière, ein kanadischer Autor mit haitianischen Wurzeln, in seinem 2008 auf Französisch verfassten Roman „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ durchgängig und auf verschiedenen Ebenen auf Mishima beziehen, so durchaus nicht affirmativ, sondern in einer wilden Mischung von Übertreibung und Dekonstruktion, von Überhöhung und Lächerlichmachen. Doch auch in diesen typisch schillernden Kreationen mit ihren Subtexten behält Mishima eine Art Modellcharakter.

Paradoxerweise sind Satire und Ridikülisierung wohl besonders geeignet, das vom Autor selbst geschaffene Gesamtkunstwerk Mishima ernst zu nehmen. Doch weiterhin ist dieser literarische Einzelgänger für Überraschungen gut. Sich auf Mishima einzulassen bleibt irritierend und schmerzhaft, denn er verletzt immer wieder das literarische, moralische und politische Empfinden.

Irmela Hijiya-Kirschnereit ist die Doyenne der deutschen Japanologie. Sie lehrt an der Freien Universität Berlin.

Weitere Themen

Die Milde der Barbaren

Historiker Gregorovius : Die Milde der Barbaren

Der Dichter als Historiker: In der kommenden Woche jȁhrt sich der Geburtstag von Ferdinand Gregorovius zum zweihundertsten Mal. Was macht seine Geschichtsschreibung so modern?

Topmeldungen

Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
Die Seiser Alm: Unter der Woche verliert sich auf dem größten Hochplateau Europas kaum eine Menschenseele. (Symbolbild)

Nach Lockdown wieder geöffnet : Südtiroler Sonderweg

Nach dem Lockdown über Weihnachten und Neujahr in ganz Italien hat Südtirol seit dem 7. Januar wieder „geöffnet“ und widersetzt sich dem Lockdown.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.