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Autor Yukio Mishima : Vom Streben und Sterben

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Die sechziger Jahre gelten allgemein als politisiertes Jahrzehnt. Eingeläutet wurde es durch jahrelange Massendemonstrationen gegen die Erneuerung des amerikanisch-japanischen Sicherheitsvertrags, die sogenannten Anpo-Unruhen, später gewissermaßen überlagert durch Anti-Vietnamkriegs-Proteste und die Aktionen der ultralinken Studentenbewegung. In diesen aufgeheizten Jahren gerät auch die Literatur ins Visier radikalisierter Attentäter von rechts und links, und oftmals verschwimmen sogar die Grenzen. Prominente Autoren wie Verleger werden Opfer von Anschlägen, auch Mishima und der von ihm geschätzte junge Shootingstar und spätere Nobelpreisträger Kenzaburo Oe können ein Lied davon singen.

Die Literatur im Visier

Mishima bewegt sich mit einigen Werken im Dunstkreis nostalgischer Nationalismen mit ihren Blut- und Männlichkeitsritualen, propagiert die Wiederbelebung von Samurai-Tugenden und die Rückkehr zur Tenno-Verehrung als Inbegriff nationaler Werte angesichts der unerträglichen Banalisierung und Sinnentleerung des konsumgetriebenen Alltags im Wirtschaftswunderland. Als er 1968 dann auch noch eine Privatmiliz aus jungen Studenten gründet, die „Schildgesellschaft“, und mit ihr ein Trainingslager in einem Camp der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte am Fuße des Berges Fuji abhält, ist sein Ruf als Erzreaktionär besiegelt.

Bemerkenswert bleibt aber, dass er sich auf eine Diskussion mit den radikalen Studenten im Yasuda-Auditorium der Universität Tokio (Todai) einließ. Das erforderte Mut und Stehvermögen. Das legendäre Zusammentreffen dauerte zweieinhalb Stunden. Mishima ließ es mitschreiben und brachte es als Buch heraus unter dem Titel „Schönheit, Gemeinschaft und der Todai-Streit“. Es wurde ein Bestseller, Mishima teilte die Tantiemen zur Hälfte mit seinen Kontrahenten: „Sie haben es vermutlich für Helme und Molotow-Cocktails eingesetzt und ich für Sommeruniformen meiner Truppe.“ Kein schlechter Deal, meinte er dazu.

Buchstäblich bis zu seinem letzten Lebenstag hielt er seine enorme Produktivität aufrecht. In geradezu schwindelerregender Folge erschienen Dramen für das Kabuki und das traditionelle Puppentheater, die er auch noch selbst inszenierte, moderne Stücke, Essay- und Gesprächsbände sowie ein steter Strom an Artikeln für Frauen- und Männermagazine und populärer Lesestoff, seine eigentlichen Geldquellen. Mit diesen Unterhaltungsromanen, die von seiner Experimentierfreude und Schreibroutine leben, riss Mishima die Mauern zwischen der sogenannten „reinen“ und der Populärliteratur ein, die ein, zwei Jahrzehnte später mit dem Erfolg von Haruki Murakami endgültig obsolet wurden.

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