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Vermüllung einer Stadt : Müllhalde der Unendlichkeit

  • -Aktualisiert am

Die Piazza Leopardi mit dem Denkmal des Dichters in Recanati Bild: Picture-Alliance

Da hilft auch keine Poesie: Einst hat Giacomo Leopardi die Landschaft rund um die italienischen Stadt Recanati besungen. Nun soll dort eine Deponie errichtet werden, die seiner Dichtung den Hintergrund zu rauben droht.

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          Im italienischen Recanati, das auf einem Berggrat in den italienischen Marken thront, liegt am Rand der Altstadt ein Park, in dem eine Bank zur Kontemplation des Panoramas einlädt: Sanfte Hügel, endlose Getreidefelder, Wälder, Dörfchen. Niemand hat das impressionistische Landschaftsbild schöner besungen als der 1798 in Recanati geborene Dichter Giacomo Leopardi. Er hasste die Stille und Enge seines Heimatortes, den er, schwach bei Gesundheit, lange nicht verlassen konnte. Das Betrachten der Aussicht war ihm Flucht und zugleich Inspiration für sein schönstes Gedicht „L’infinito“. Jedes italienische Schulkind kann es aufsagen, und die Marmortafel an der Mauer im Park zitiert den Vers „Sempre caro mi fu quest’ermo colle“, den Rainer Maria Rilke mit den Worten „Immer lieb war mir dieser einsame Hügel“ ins Deutsche übertragen hat.

          Vor einiger Zeit hat Recanati den 200. Jahrestag des Gedichtes gefeiert. Staatspräsident Mattarella war da und saß in stiller Betrachtung auf der Bank. Niemand ahnte damals, dass man in Wirklichkeit ein Abschiedsfest beging. Der „einsame Hügel“ wird bald nicht mehr ganz so einsam sein, denn der Abfall der ganzen Provinz soll Recanati zu Füßen gekippt werden. 450.000 Kubikmeter Müll, verteilt auf mehrere Standorte, ein Verkehr von 300 Lastwagen pro Tag, die schon 2021 anrollen sollen.

          Eine Schlacht auf allen Ebenen

          Nun gibt es immer Orte, die gute Gründe haben, keine Deponie zu wollen, zumal die Region der Marken Erdbebengebiet ist. Doch musste man ausgerechnet Gutachter aus dem fernen Mailand mit der Standortstudie beauftragen? Städtische Bürokraten, für die Kunst und Kultur oft nur das sind, was sich in den festen Grenzen von Museen, Theaterhäusern und Buchdeckeln abspielt?

          Werk und Landschaft sind bei Leopardi so eng miteinander verknüpft wie bei keinem anderen italienischen Dichter. Wer die Gegend bei Recanati verschandelt, nimmt seiner Dichtung den Hintergrund. Der Müll wäre dort vor Erderschütterungen sicher, zöge aber Leopardis Andenken den Boden unter den Füßen weg.

          Für die Bewohner ist die „Deponie der Unendlichkeit“ nicht das erste verrückte Projekt, gegen das sie sich zur Wehr setzen. Der Stromversorger Enel wollte die Landschaft Leopardis um Strommasten bereichern, eine Asphaltfirma träumte von einer Parkplatzinsel, und irgend jemand hatte die Idee für ein großes Restaurant. Das alles scheiterte am Widerstand der Bewohner. Auch jetzt haben sie wieder eine Schlacht auf allen Ebenen angekündigt. Der Ausgang ist ungewiss. Bei dem für seine Skepsis bekannten Leopardi sollte man nicht zu optimistisch sein.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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