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Der Investmentspieler als Künstler : Skulpturen aus geschredderten Aktien sind eine sichere Bank

  • -Aktualisiert am

Wer wagt, gewinnt. Und wenn nicht, ists auch nicht schlimm. Denn mehr als pleite kann man halt nicht sein. Bild: dapd

Mit dem Rücken zur Wand: Warum Investmentspieler umso mehr Künstlern gleichen, je hoffnungsloser ihre Lage ist.

          Mein Patenonkel sagte immer, das Schöne am Kapitalismus sei, dass man zwar nur hundert Prozent verlieren könne, aber viele hundert Prozent gewinnen. Dazu hat mein Freund Georg neulich ein Experiment gemacht. Stellen Sie sich vor, Sie könnten ein Anlagepapier kaufen, das in jedem Monat entweder um 70 Prozent steigt oder um 60 Prozent fällt, Chancen jeweils fifty-fifty. Wie viel wird das Papier wert sein nach ein paar Jahren? Und was würden Sie dafür zahlen wollen? Ich komme auf die Antwort zurück.

          In der Kunst ist das natürlich anders, denn da kann man mehr als hundert Prozent verlieren. Nicht nur das aktuelle Projekt lässt sich versieben, seinen Ruf kann man ruinieren, und zwar für immer, und im Falle der darstellenden Kunst lässt sich schlimmstenfalls ein Werk, das man einmal massakriert hat, auch von anderen nicht neu beleben. Vom Leiden des Publikums ganz zu schweigen.

          In der Kunst sind die Gewinne und Verluste schwer bezifferbar. Im Kapitalismus ist das anders, da geht es ja nur um Dollar und Euro, und die kommen, qua Natur, mit Ziffern davor. Und das erlaubt es, den Begriff des Risikos zu operationalisieren. Eine schöne Variante ist die Betrachtung von sogenannten mean preserving spreads, also von verschiedenen Anlagen, bei denen im Durchschnitt immer dasselbe rauskommt, die Spreizung der möglichen Ergebnisse aber variiert. Also zum Beispiel: hundert sicher oder 90 oder 110 jeweils mit Wahrscheinlichkeit ein halb oder - mehr Spreizung! - 80 oder 120 oder (noch mehr!) null oder zweihundert. Je mehr Spreizung, sagen wir Volkswirte, desto mehr Risiko. Und wenn Sie sich eine von diesen Möglichkeiten aussuchen dürften? Denken Sie ruhig kurz nach, bevor Sie weiterlesen.

          Bonus als Kompensation

          Wenn Sie so sind wie die meisten Menschen (und weder eine notorische Abenteuerin noch ein eingefleischter Kontrasager), werden Sie sich gesagt haben, Sie nehmen am liebsten die hundert sicher, was sollen die Sperenzchen! Und das nennen wir Risikoaversion, und zur Risikoaversion neigen fast alle. Das geht so weit, dass die meisten von uns lieber weniger, aber dafür sicher haben als in der Erwartung mehr, am Ende aber womöglich noch weniger, also zum Beispiel lieber hundert auf die Hand als mit fifty-fifty entweder 210 oder, o Graus, nichts. In der Evolution war solches Verhalten oft sinnvoll, weil es dazu führt, dass man zwar vielleicht kein Festmahl bekommt, aber dafür nicht verhungert.

          Risikomasseangaben messen also die Spreizung möglicher (finanzieller) Ergebnisse, oftmals im Vergleich zum Durchschnitt. Und Menschen sind tendenziell so gebaut, dass sie gern ein bisschen Durchschnitt aufgeben für mehr Sicherheit. Und damit zurück zu meinem Patenonkel. Wenn man im Kapitalismus viele hundert Prozent gewinnen kann, aber nur einmal hundert Prozent verlieren, dann ist doch Risikoaversion sicher eher eine Art Behinderung?

          Fein beobachtet! Und deshalb hat der Gott der Vorstandsvorsitzenden den Bonus erfunden. Der Bonus, dessen Leumund jüngst so spektakulär seine Unbescholtenheit eingebüßt hat, ist eigentlich nur dazu da, die menschliche Schwäche, es am liebsten sicher haben zu wollen, zu kompensieren und die vielen von Natur aus ängstlichen Investmentbanker dazu zu animieren, Risiken aufzunehmen, die sich im Durchschnitt rentieren. Eine Bank hat tiefe Taschen, da kann schon mal ein Deal schiefgehen, macht nix, aber wenn man jedes Mal hundert investieren kann und mit fifty-fifty das Geld entweder weg ist oder sich mehr als verdoppelt hat, dann verdient man mit vielen solcher Deals ernsthaft Kohle.

          Mit dem Rücken zur Wand

          Die Logik des sich mühsam ernährenden Eichhörnchens gilt in der Kunst natürlich nicht; zehn ganz gute Romane machen einfach keinen einen sehr guten. Aber wir hatten das ja schon mit der fehlenden Metrik. Die Überraschung an dieser Stelle ist jedoch die: dass es im Kapitalismus genauso sein kann - nämlich immer dann, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht ... Was das heißt? Dass, wenn’s schiefgeht, es „eh wurscht“ ist, wie der Wiener sagt, weil mehr pleite als pleite kann man halt nicht sein (Hier ist es wieder: das Gesetz meines Patenonkels!). Unsere Banker mit großzügigem Bonussystem können nicht mehr verlieren als ihren Job; genauso wie jemand mit der Knarre an der Schläfe nicht mehr als sein Leben. Mit anderen Worten, wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, sind die Verluste nach unten begrenzt, weil immer total. Im Zweifel muss halt einfach ein anderer kommen, die Sauerei aufwischen, wenn’s knallt.

          Künstler stehen, wir hatten das anfangs (es ist mehr zu verlieren als nur einmal hundert Prozent), regelmäßig mit dem Rücken zur Wand. They gamble because they must. Und man darf das an dieser Stelle auch mal sagen: Deshalb kommt halt auch viel Mist raus! Aber mitunter auch Großes, Unerwartetes, allertiefst Bewegendes et cetera. Nicht immer und auch nicht immer öfter, aber manchmal, selten - und dann, dann rettet es Leben.

          Fehlt noch eine Antwort auf die Frage nach dem Investment, das Ihnen mein Freund Georg angeboten hat. Das ist so, im Durchschnitt werden Sie damit unendlich reich, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit arm wie eine Kirchenmaus. Strictly for artists only!

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