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Leben mit Hund : Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft

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In der fünfzigsten Ausgabe des Magazins „Dogs“ geht der Verhaltensbiologe und Wolfsforscher Kurt Kotrschal von der Universität Wien der Frage nach, woher der starke Wunsch vieler Menschen nach Nähe zu Hunden stammt. Er erklärt sie mit „Biophilie“, dem angeborenen Bedürfnis, Tieren nahe zu sein. Biophilie ist ein uraltes Gefühl, noch vor der Domestikation des Hundes entstanden, die vor 30000 Jahren begann. Später sanken die einstigen Jagdkumpane in der Gunst der Menschen: Jahrhundertelang jagte man Hunde von der Schwelle, weil sie Tollwut verbreiteten und die Menschen genug Angst ausstanden während der großen Pocken- und Pestepidemien. Zum Haustier wurde der Hund erst im neunzehnten Jahrhundert, als bessere Hygienebedingungen mehr Nähe zu Tieren möglich erscheinen ließen. Vor 150 Jahren war der Hund aber noch in erster Linie ein Statussymbol, das auf Hundeschauen Pokale abräumen und einen langen Stammbaum vorweisen sollte.

Zweihundert Jahre Hundeliebe

Mit Reinrassigkeit kann man heute nicht mehr punkten. „Der Trend geht weg vom Rassehund und hin zum ,Rescue Dog‘“, sagt der Psychologe Christoph Jung, der als Autor des „Schwarzbuchs Hund“ einer der schärfsten Kritiker von Missständen in der deutschen Hundeszene ist. Seit etwa fünf Jahren boome der Import streunender Promenadenmischungen aus Süd- und Osteuropa nach Deutschland. „Heute muss eine gute Tat damit verbunden sein, wenn sich jemand einen Hund anschafft“, sagt Jung. „Als Retter beglückt man sich selbst, denn es führt wahrscheinlich zum Ausstoß des Bindungshormons Oxytocin, wenn man sich daran erinnert und darüber spricht, wie man ein Lebewesen aus einer misslichen Lage befreit hat.“

Unerreicht von diesen positiven Gefühlen bleibt die Gemeinde der Hundehasser. Dass es sie wirklich gibt, scheint das erste deutsche Hundegegnermagazin zu beweisen, das 2014 erschienen ist – ein Satireprojekt mit dem Titel „Kot&Köter“. Aber auch sonst ist die Toleranz in den 86 Prozent der Haushalte, die keinen Hund halten, wohl fragil. Zweihundert Jahre Hundeliebe auf engem Raum, das ist einfach ziemlich dünnes Eis. Das wurde etwa vor ein paar Monaten im westfälischen Münster deutlich, wo der Hund einer Kitaleiterin einen Dreijährigen ins Gesicht biss. Die Frau hatte jahrelang ihre Hunde mit an den Arbeitsplatz genommen, obwohl das nicht erlaubt war. Die Stadt suspendierte sie.

Dennoch prognostiziert „Dogs“ in einem Artikel über Hundehaltung im Jahr 2030, dass in der Zukunft mehr Arbeitgeber Hunde zulassen – auch, weil es irgendwann aus Tierschutzgründen verboten sein könnte, die Tiere über längere Zeit allein in der Wohnung zu lassen. Detlev Nolte als Sprecher der Heimtierindustrie sagt, dass man nicht sicher wissen kann, wohin die Hundehaltung sich entwickeln wird. „Ich glaube, dass Hundehaltung kein eigenständiges Phänomen ist, sondern dass sie immer ein Annex der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung sein wird.“ Man sehe das an Fütterungstrends: Mit der Bio-Welle kam das Bio-Futter; seit mehr Menschen Veganer werden, drängen vegane Hundefutter auf den Markt. „Deshalb wird es darauf ankommen, wie sich die sozialen Milieus entwickeln. Überwiegt das Milieu Wagenburg, oder sind die Leute mobil, weltoffen? Wenn wir in ein paar Jahren viele Menschen über sechzig haben, fühlen sie sich dann wie fünfzig plus? Oder längst zu alt für einen Hund?“ So oder so wird sich zeigen: Aus der Schicksalsgemeinschaft, die Hund und Mensch bilden, gibt es kein Entrinnen.

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