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Leben mit Hund : Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft

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„Soziales Schmiermittel“

Das Gehirn der Menschen hat Hunde also keineswegs als „Ersatzkinder“ abgespeichert. Die Hundehalter sehen das teilweise anders. Das französische Tierpharmaunternehmen Ceva befragte im Jahr 2013 Welpenbesitzer und fand heraus, dass neunzig Prozent der Meinung waren, einen Welpen zu halten sei dasselbe, wie ein Kind aufzuziehen. Die amerikanische Heimtierindustrie nennt ihre Kunden ebenfalls unbeirrt „Pet Parents“, deren Schützlinge „Furkids“, pelzige Kinder.

In Deutschland konzentrieren sich die Konzerne seit langem auf eine andere These über die Verbindung von Mensch und Hund: Die Heimtierindustrie fördert vor allem Forschungsprojekte, die den Hund als Brücke, die zwischenmenschliche Bindungen erleichtert, in den Blick nehmen, als „soziales Schmiermittel“. Jens Lönneker vom Kölner Rheingold-Institut untersuchte vor wenigen Jahren etwa die Eignung des Hundes als „Flirtfaktor“ und fand heraus, dass jeder zehnte Hundehalter schon einmal eine Liebesbeziehung begonnen hat, die sich über den Hund angebahnt hatte.

Besuchsdienste von Hunden

Als Trost und Therapeutikum wird der Hund zunehmend institutionell eingebunden. Das Gebot der Stunde lautet: Ehrenamtlich anderen helfen – mit Hund. Seit wenigen Jahren haben Vereine, die Besuchsdienste von Hunden und ihren Haltern für soziale Einrichtungen organisieren, viel Zulauf. Sie nehmen Hundehalter, die zu diesen Diensten bereit sind, in eine Kartei auf und verteilen sie auf Schulen, Seniorenheime, Kindergärten.

Was macht ein solches Ehrenamt so attraktiv? „Der Hund steht immer im Vordergrund“, sagt Detlev Nolte, Sprecher des Industrieverbandes Heimtierbedarf. Es sei plötzlich nicht mehr vom eigenen Auftreten, von den eigenen Fähigkeiten abhängig, ob jemand als ehrenamtlicher Helfer in einer Einrichtung akzeptiert werde. Nur die Fähigkeiten des Hundes zählten. „Man schafft über den Hund eine neutrale, gesichtswahrende Ebene“, erklärt Nolte, „der Dialog findet nicht über den Menschen, der sich sozial einbringen will, sondern über den Hund statt.“ Auch die Sozialpädagogin Viola Freidel, die im Berliner Verein „Leben mit Tieren“ mehr als fünfzig ehrenamtliche Mensch-Hund-Teams betreut, glaubt, dass die Hundehalter die Projekte schätzen, weil sie sich willkommen fühlen: „Die Besitzer werden bestätigt, weil sie als Mensch-Hund-Team so gern gesehen sind.“

In einem Seniorenheim

Die Hundehalterin Thora Jensen aus Berlin-Steglitz formuliert es so: Es sei schön, gebraucht zu werden, wenn man, wie sie, dieses Gefühl nicht im Beruf erfahren könne. Die Achtundvierzigjährige hat seit einem Verkehrsunfall zwei Knieprothesen und kann nicht mehr als Bauschlosserin arbeiten. Seit einem Jahr besucht sie nun jeden Donnerstag mit ihrer kleinen roten Mischlingshündin Miss Elly eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke in einem Seniorenheim in Tempelhof. Jensen ist eine große Frau mit kurzem, blond gefärbtem Haar, sie trägt „Berufskleidung“: ein dunkelblaues Poloshirt mit dem Vereinslogo von „Leben mit Tieren“.

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