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Die neue „It bag“ : Beutelkunde

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Kann jeder tragen: Der Klassiker von Hugendubel im zeitlosen sechziger-Jahre-Design. Bild: Picture-Alliance

Die „Birkin“ und die „Kelly“ kennen modeversierte Menschen als besonders begehrte Handtaschen. Nun hat die „New York Times“ eine neue „It bag“ ausgemacht – in Deutschland, für einsfuffzig.

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          In den neunziger Jahren entstand das modische Phänomen der „It bags“, der besonders begehrten Handtaschen des Moments. Sie waren üblicherweise sündteuer, streng limitiert und hingen an den Handgelenken der modisch versiertesten Damen der Welt. Oft waren sie nach ihnen benannt, die Birkin etwa (nach Jane), oder die Kelly (nach Grace). Dann gab es die 2.55 von Chanel mit ihrem rautenförmig gesteppten Leder, den Kettenriemen und den ausufernden Legenden um ihre Entstehung und Bedeutung. Stehen die Ketten für die klappernden Schlüsselketten der Nonnen in der Klosterschule, in der Coco Chanel aufwuchs? Repräsentiert das lila Futter wirklich die Uniformen des Konvents? Ein wenig Mysterium kann nicht schaden, wenn es darum geht, Legenden zu schaffen, und seien es nur legendäre Handtaschen.

          Nun hat die „New York Times“ ausgerechnet in der deutschen Kapitale Berlin eine neue „It Bag“ ausgemacht. Und wie das in Berlin so ist, kommt sie nicht aus einem feinen Atelier, sondern von der Straße, befindet sich gerne in etwas mitgenommenem, angeschmuddeltem Zustand und ist sehr billig. Eigentlich aber ist sie gar kein Berliner Phänomen, sondern süddeutscher Provenienz. Wir wissen das natürlich; die staunende amerikanische „Times“-Journalistin lernt das im Verlauf ihrer Recherche, für die sie mehrere arglose Passanten ansprechen muss, bis sie den Namen des Herstellers erfährt: Hugendubel.

          Einsfuffzig pro Stück kostet der Leinenbeutel, bei einem Einkauf von fünfzig Euro an gibt es ihn umsonst dazu, um die hunderttausend Stück bringt der Buchhändler pro Jahr unters Volk, und von Hipster bis Omachen trägt ihn jeder. Der Hugendubel-Beutel ist also eigentlich exakt das Gegenteil eines elitären Accessoires, er ist ein Massenphänomen.

          Und nun sind wir der staunenden amerikanischen Reporterin doch ein wenig dankbar, dass sie uns Deutschen erklärt, dass diese Gestaltung eines unbekannten Designers seit den sechziger Jahren nie verändert wurde, im Konzern selbst einen sakrosankten Status genießt und aus einem Blindtext mittig neu zusammengefügter Lettern in gebrochener Schrift besteht. Mehrere in dieser Sache hinzugezogene Experten renommierter Universitäten – man muss die Tiefenrecherche dieser Journalistin wirklich bewundern – bestätigen ihr außerdem, dass die Vorlage wohl ein religiöser Text aus dem Mittelniederländischen oder dem Niederdeutschen war.

          Der Hugendubel-Beutel ist vielleicht billig und massenhaft verbreitet, aber zwei Eigenschaften, die ihm das Zeug zum Klassiker mitgeben, zeichnen ihn aus: Ein unverwechselbares Design – und ein Geheimnis. Manchmal braucht es staunende Besucher aus dem Ausland, um die vermeintlich profanen Gegenstände um einen herum neu zu sehen.

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