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Zum 80. von Michael Stürmer : Das hat Konsequenzen

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Die mit einer „Welt ohne Weltordnung“ einhergehende Gefährdung der Menschheit treibt den Historiker um: Michael Stürmer in Moskau. Bild: Picture-Alliance

Historiker, Politikberater, Leitartikler, Warner: Zum achtzigsten Geburtstag von Michael Stürmer.

          Es sind alte und neue Gefahren, die Michael Stürmer beschäftigen: Massenvernichtungswaffen, Cyber War, Chaosstaaten, Terrorismus. Zu dem distinguiert auftretenden Historiker scheint die Rolle des apokalyptischen Reiters nicht zu passen. Doch er war es, der schon 1989/90 nicht an ein „Ende der Geschichte“ glaubte, sondern eindringlich für eine starke Nato und eine selbstbewusste EU plädierte. Dies tut er auch heute in einer Welt, in der nach Stürmers Beschreibung ein unamerikanischer Präsident der Vereinigten Staaten das eigene Land denunziert, um es anschließend wieder groß machen zu können. Die mit einer „Welt ohne Weltordnung“ einhergehende Gefährdung der Menschheit treibt den Historiker derart um, dass er für scheinbare Stabilitätsanker wie Wladimir Putin deutliche Sympathie erkennen lässt. Stürmers Forderung, im Sinne von Clausewitz jedes politische, erst recht jedes militärische Handeln auf seine Konsequenzen hin zu durchdenken, lässt ihn bisweilen an den Vereinigten Staaten verzweifeln. George W. Bush hielt sich nicht an Clausewitz, als er den Irak-Krieg anzettelte, Donald Trump nicht, als er eine Mauer an der mexikanischen Grenze versprach.

          Stürmers Drang nach politischer Einflussnahme veranlasste ihn, Geschichtswissenschaft, Politikberatung und journalistische Publizistik zusammenzuführen. Als Zweiunddreißigjähriger versammelte er 1970 Kollegen wie Jürgen Kocka, Hans-Ulrich Wehler, Volker Berghahn, John Röhl, Andreas Hillgruber, Fritz Stern und Klaus Hildebrand zu dem wegweisenden Aufsatzband „Das kaiserliche Deutschland“. Bald darauf legte er seine Sympathien für die Sozialdemokratie ab, auch weil er durch die SPD den gymnasialen Geschichtsunterricht bedroht sah. Nur zu gern ließ er sich 1982 als Berater des gerade zum Bundeskanzler gewählten Helmut Kohl werben.

          Wachstum und Vollbeschäftigung als Bedingungen der Politik

          Kohl war es denn auch, der am 3. Oktober 1990 während des Staatsakts in der Berliner Philharmonie den Titel von Stürmers bekanntestem Buch aufgriff und versicherte, das nunmehr vereinte Deutschland werde kein „ruheloses Reich“ sein. „Das ruhelose Reich“ hatte 1983 in der zu Recht als innovativ geltenden „Siedler Deutsche Geschichte“ für Furore gesorgt. Trotz der langen mitteleuropäischen Friedensperiode beschreibt Stürmer hier das Deutschland von 1866 bis 1918 als ein letztlich den Anforderungen von Demokratisierung, Globalisierung und Hochindustrialisierung kaum gewachsenes Land. Nicht allein Bismarcks Entlassung und das Imponiergehabe Wilhelms II. führten zur Katastrophe von 1914. Die „konservative Stillstandsutopie“ erwies sich als unrealisierbar.

          Ökonomische Faktoren sind für Stürmer notwendiger Bestandteil seiner geopolitischen, Deutschlands grenzenreiche Mittellage betonenden Überlegungen zur Geschichte. Wachstum und Vollbeschäftigung definiert er als Bedingungen der Politik. Die Massenstreiks im Ruhrbergbau von 1889 stehen bei ihm im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Ende der Ära Bismarck. Die lange Kanzlerschaft Helmut Kohls sei wesentlich auf den während seiner Amtszeit niedrigen Ölpreis zurückzuführen, der gleichzeitig die Sowjetunion in den Untergang geführt habe.

          Prolog zum Historikerstreit

          Emotionslos konnte Stürmer bei aller nüchternen Analyse ökonomischer und politischer Zusammenhänge weder Geschichte noch Gegenwart betrachten. Sechs Wochen vor Ernst Noltes Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ lieferte Stürmer am 25. April 1986 den Prolog zum „Historikerstreit“ – wie Nolte in dieser Zeitung, für die er manchen Leitartikel schrieb. Als hätte er Kohls Forderung nach einer geistig-moralischen Wende erneuern wollen, zeigte er sich irritiert durch das unstet gewordene Geschichtsverständnis in einem „Land ohne Erinnerung“. Zornig attackierte er die „Legende vom edlen Wollen der Kommunisten, vom Versagen der deutschen Sozialdemokraten und vom Segen der Volksfront“, er bedauerte die „technokratische Geringschätzung der Geschichte von rechts und ihre progressive Erwürgung von links“.

          Wenig später, nun mitten im Historikerstreit, sah er den geschichtsinterpretatorischen Konsens nicht durch Ernst Nolte aufgehoben, sondern durch die Linke. Wie Nolte bediente er sich rhetorischer Fragen, um seiner Sorge über die behauptete Aufkündigung des antitotalitären gesellschaftlichen Übereinkommens gegen „nationalsozialistische Vergangenheit“ und „kommunistische Gefahr“ Ausdruck zu verleihen. Während der Frankfurter Römerberg-Gespräche im selben Jahr äußerte sich Stürmer so pejorativ zu deutschen Schuldgefühlen und so fordernd zu Nationalstolz und nationaler Sinnstiftung, dass er später die Drucklegung seiner Äußerungen in dem berühmten Sammelband des Piper-Verlags zum „Historikerstreit“ verhinderte.

          Michael Stürmer, nach wie vor gefragter Kommentator von Geschichte und Gegenwart, wird am heutigen Samstag achtzig Jahre alt.

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