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Der gläserne Fahrer : Angriff aufs Auto

Das iPad lenkt mit: Neue Autos sammeln unsere Daten Bild: action press

Das Fahrzeug wird zum Computer auf Rädern, es registriert alle Bewegungen. Experten sind alarmiert: Wem gehören die Daten, die es über uns sammelt?

          Ein Popstar, der vor kurzem dadurch dumm auffiel, dass er das Haus seines Nachbarn mit rohen Eiern bombardierte, taucht morgens um vier in Miami mit einem gemieteten Lamborghini auf: Motorenlärm, kreischende Fans, ein Rapper donnert im Ferrari heran. Eindeutiger Fall für die Polizei: Hier findet ein illegales Rennen statt. Der Popstar, Justin Bieber, wird verhaftet, die Polizei gibt der Presse zu Protokoll, der Star sei verantwortungslos durch die Stadt gerast. Gibt es Radaraufnahmen? Nein, und es fragte auch niemand danach. Star, Lamborghini, Lärm: Das reicht der Polizei als Indizien.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein paar Tage später berichtet CNN, dass die Polizei sich geirrt hat. Der Autovermieter hat in allen Fahrzeugen ein GPS-Ortungssystem eingebaut, das auch Fahrdaten speichert, Biebers Anwälte haben es auslesen lassen. Das Ergebnis: Bieber ist in der Viertelstunde, bevor er gestoppt wurde, nicht einmal vierzig Meilen pro Stunde gefahren, was für jemanden, der mit allen Kräften an seinem Image als rasender Bad Boy arbeitet, vielleicht gar keine so gute Nachricht ist - aber immerhin haben die Daten, die das Auto sammelte, den Fahrer vor einer Verurteilung wegen Geschwindigkeitsüberschreitung bewahrt.

          Autos, die ihre Fahrer ausspionieren

          Die Geschichte vom unschuldigen Bieber (der allerdings auch wegen Fahrens unter Drogeneinfluss angeklagt wird) ist die Lieblingsgeschichte aller Befürworter des vernetzten Autos. Wer daraus aber schließt, dass die Datenmengen, die das Auto neuerdings sammelt, seinem Fahrer nur zugutekommen können, wurde am vergangenen Donnerstag auf dem 52. Verkehrsgerichtstag in Goslar eines Besseren belehrt. Dort schlugen Experten Alarm: Jürgen Bönninger, Geschäftsführer der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH in Dresden und einer der führenden Experten in seinem Feld, fordert ein No-Spy-Zertifikat für Neuwagen und No-Spy-Regeln in das Wiener Weltabkommen über den Straßenverkehr aufzunehmen, außerdem ein Autodaten-Sicherheitsgesetz: Es müsse „verhindert werden, dass digitale Abdrücke aller zukünftigen Autos und damit der Fahrdaten sowie der Fahrzeugzustandsdaten als Bewegungs- und Handlungsprofile hinterlassen oder abgerufen werden“.

          Das war eine Bombe: Selten wurde so deutlich benannt, dass moderne Autos in der Lage sind, ihre Fahrer auszuspionieren, personenbezogene Daten zu sammeln und weiterzuleiten, und selten so deutlich, dass das Auto einen grundlegenden Wandel erlebt - der vor allem die Privatsphäre seiner Nutzer betrifft.

          Der paradoxe Reiz, der das Auto zu einem der erfolgreichsten Objekte der Moderne gemacht hat, lag darin, dass es Freiheit und Schutz der Privatsphäre zugleich versprach: man kann jederzeit überallhin aufbrechen mit ihm, und in der Ferne ist es ein tröstliches Stück mitgebrachter Heimat: Mit seinen Ledersesseln und dem Holzfurnier im Armaturenbrett ist es eine Art Wohnzimmer auf Rädern, nichts drang ein, nichts heraus. Bisher. Denn in modernen Autos arbeiten bis zu einhundert Datenverarbeitungssysteme; wem gehören die Daten, die das Auto erhebt?

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