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: Der Gesellschafter

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Berlin ist eine Behauptung. Und das gilt natürlich auch für seine Gesellschaft. Von heute auf morgen zur Hauptstadt erklärt, schien ein paar Jahre lang vollkommen unklar, ob hier nun weiterhin versponnene Künstlertypen aus Schöneberg ...

          Berlin ist eine Behauptung. Und das gilt natürlich auch für seine Gesellschaft. Von heute auf morgen zur Hauptstadt erklärt, schien ein paar Jahre lang vollkommen unklar, ob hier nun weiterhin versponnene Künstlertypen aus Schöneberg die erste Geige spielen würden oder ob sich neue Köpfe würden durchsetzen können, Zugereiste, Hochgestolperte, Neuerfolgreiche. Mittlerweile hat sich tatsächlich eine Art Szene herauskristallisiert, ein fester Personenkreis, über den die Boulevardpresse regelmäßig berichtet, die "Berliner Society". Natürlich gehört der Bürgermeister dazu, der so lange behauptet hat, dass Berlin eine hippe Weltstadt sei, bis es der Rest der Welt tatsächlich glaubte. Udo Walz gehört dazu, der Friseur, der so lange behauptet hat, Starfriseur zu sein, dass er nun tatsächlich dem einen oder anderen Star vor einem Auftritt die Haare föhnen darf. Auch Modemacher Michael Michalsky ist dabei, ein wahres PR-Genie, der es trotz provinzieller Kreationen mittlerweile geschafft hat, als Couturier von internationalem Rang zu gelten, zumindest im Grill Royal. Dann wäre da noch Minu Barati, die schöne Frau des ehemaligen Außenministers, die vielleicht eines Tages einmal wirklich einen Film produzieren wird. Und David Groenewold, von der Berliner Boulevardpresse "Filmmogul" genannt: ein 36-jähriger Produzent und Geschäftsmann, dem es an Chuzpe, Verkaufstalent und den richtigen Freunden nicht zu mangeln scheint. Und der für all das steht, was die Berliner Society ausmacht, die Münchens über Jahrzehnte gewachsene Schickeria an Bussi-Bussis und Spezltum nahezu aus dem Stand überholt hat.

          Selbst Menschen, die mit den Hintergründen deutscher Filmfinanzierung nicht vertraut sind, kennen sein Gesicht inzwischen aus der Klatschpresse: ein jungenhaft aussehender großer Blonder mit zurückgegelten Haaren, der sich vorzugsweise mit einer schönen jungen Schauspielerin im Arm fotografieren lässt. David Groenewold gehört zur Berliner Gesellschaft wie die rote Markise vor das Szenerestaurant "Borchardt". Wo er auftaucht, liegt immer das Versprechen in der Luft, dass gleich etwas irrsinnig Wichtiges passieren könnte. Er ist ein Mann der großen Gesten. Eine Runde Champagner für alle, Handküsse für die Damen, die Herren werden mit kollegialen Schulterklopfern begrüßt. In den Restaurants der oberen Zehntausend, deren Kundschaft sich in Berlin auf etwa neunhundert beläuft, sitzt er an den Tischen der Mächtigen und Macher, die er natürlich alle duzt und beim Vornamen nennt. Oder diese setzen sich an seinen Tisch, denn Groenewold ist durch eine einfache Geschäftsidee innerhalb weniger Jahre zu einem der wichtigsten Spieler des deutschen Filmgeschäfts aufgestiegen.

          Er hat den deutschen Filmfonds gegründet, GFP, German Film Production, einen Anlagefonds, der nur in deutsche Produktionen investiert. Anders als andere Medienfonds, die deutsche Gelder in Hollywoodproduktionen steckten und dort zumeist auf Nimmerwiedersehen versenkten. Bis 2005 schienen Medienfonds für Anleger ein Bombengeschäft: Als "immaterielle Wirtschaftsgüter" konnten Filme sofort abgeschrieben werden, bis zu hundert Prozent im ersten Jahr, so konnten die zumeist wohlhabenden Investoren erheblich Steuern sparen. Dann erkannte der Staat den Medienfonds die Steuervorteile ab. Mehrere Banken wurden zu Schadensersatz verurteilt, der Gründer eines Fonds mit anderen Rahmenbedingungen sitzt in München wegen Steuerhinterziehung noch ein paar Jahre in Haft. Allein das Wort "Medienfonds" hat seither einen schlechten Beigeschmack.

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