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Der Geschichtsphilologe : Pantheon des technischen Fortschritts

Enzensberger verhalf dem Naturwissenschaftler zum Eintritt in die Poesie Bild: picture-alliance/ ZB

Enzensbergers Gedichtband „Mausoleum“ erzählt die Geschichte des technischen Fortschritts im Heldenporträt großer Wissenschaftler, Künstler und Revolutionäre. Der Techniker ist die vorantreibende Kraft, doch die Gabe zur visionären Schau bleibt dem Dichter vorbehalten.

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          Nein - Vorahnungen waren nicht seine Sache.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die fünfundzwanzigste der Folge von „Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“, die Hans Magnus Enzensberger 1975 unter dem Titel „Mausoleum“ herausbrachte, behandelt Georges Eugène Haussmann (1809 bis 1891), den Präfekten von Paris unter Napoleon III., als Prototyp des Stadtplaners und -planierers. Enzensbergers Heldengedichte über Erfinder, Wissenschaftler, Revolutionäre und Künstler spielen Bauprinzipien durch, vom Hymnus bis zum Prosamonolog. Das einzige durchgängige formale Merkmal sind Zitate, die durch Kursivsatz ausgewiesen werden. Der prosaische Einschlag der modernen Poesie wird sichtbar gemacht, wie die statische Funktion der Bauteile in der modernen Architektur. Gottfried Benns Definition, Gedichte seien aus Wörtern gemacht, ist zu erweitern: Ein Enzensberger-Gedicht ist aus Sätzen gemacht. In der Haussmann-Ballade stammen einige Sätze von Walter Benjamin.

          „Wie wuchsen seither mit den großen Städten die Mittel, sie dem Erdboden gleichzumachen! Welche Bilder vom Kommenden rufen sie nicht hervor“ - und Enzensberger illustriert diesen Ausruf mit drei Städtenamen, gleichsam fotografischen Bildern der totalen Zerstörung, die noch eine kommende war, als Benjamin seine Sätze schrieb: „Rotterdam, Dresden, Hanoi“. Durch diese Komplettierung der Vision attestiert Enzensberger Benjamin das Vermögen prophetischer Zeitanalyse, das „sentiment prémonitoire“, das Benjamin an den Parisgedichten von Charles Baudelaire herausgearbeitet hatte.

          Dialektik der Abräumung

          Wenn der Balladendichter Haussmann als „Artiste démolisseur“ apostrophiert und die Schornsteine als „Obelisken der Industrie“ verkleidet, sind das doppelte Zitate, Zitate von Baudelaire-Zitaten Benjamins. Auch die nichtkursiven Teile der Ballade malen Benjamins Haussmann-Bild aus. Das ganze „Mausoleum“, ein Pantheon oder besser Pandämonium der großen Männer des im weitesten Sinne technischen Fortschritts, stellt sich, wie man der Aufnahme von Charles Fourier und Louis Auguste Blanqui ablesen kann, als Kontrafaktur der materialistischen Geschichtssoziologie dar, die Benjamin in seinem Paris-Buch entfalten wollte. Auf dem Höhepunkt des sozialdemokratischen Zeitalters aktualisierte Enzensberger die Kritik des sozialdemokratischen Technikglaubens aus Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Dialektik der Abräumung: Vorahnungen waren dem dichtenden Flaneur vorbehalten, nicht Sache des großen Zerstörers. Mit dieser Feststellung gibt Enzensberger dem Leser eine Vorahnung ein.

          Der mit „Nein“ bekräftigte, kursivierte Satz ist die Variation auf ein Thema von Benn, den zweiten Vers von dessen Chopin-Ballade: „Ansichten waren nicht seine Stärke“. Auf den Baron Haussmann folgt im „Mausoleum“ Frédéric Chopin (1810 bis 1849), und wie Leopold Godowsky die Etüden Chopins virtuos erweiterte, so paraphrasiert Enzensberger Benns Motiv des diskreten Artisten, der „die Notturnos nicht begründen“ konnte, indem er eine flüchtige Begegnung von Chopin und Benjamin erfindet, „zwei Emigranten“ in „der Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts“. In dem Aufsatz mit diesem Titel heißt es am Ende über die Lage der ästhetischen Produktivkräfte im Zeitalter Baudelaires: „Die Dichtung unterwirft sich im Feuilleton der Montage.“ Durch diese Unterwerfung hat Enzensberger, der Dichter des Fortschritts, gesiegt.

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