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Der Gesang der Nachtigall : Ick hör dir

Nachtigall (Luscinia megarhynchos), männlich, beim Warmsingen Bild: Picture-Alliance

Natürlich weiß Wikipedia mehr über die Nachtigall als alte Enzyklopädien. Aber wer wirklich ins Schwärmen kommen will, muss Dichter und Gelehrte befragen.

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          In Band XVII der „Encylopaedia Britannica“ von 1884 steht eine Beschreibung der Nachtigall, die man am liebsten laut vorlesen würde, so elegant und liebevoll ist sie formuliert. Von ihrem hinreißenden Gesang ist die Rede und dass Dichter seit Aristophanes versucht hätten, die Wirkung der Töne der Nachtigall auf die menschliche Seele zu beschreiben. Manche hörten Melancholie heraus, wahrscheinlicher aber sei, dass jeder Mensch das Singen der Nachtigall gemäß seiner inneren Befindlichkeit wahrnehme und entsprechend deute – daher auch das anrührende Bild des Dichtervogels, der mit geschwellter Brust seine einsame Melodie zu jeder Nachtzeit bis in den frühen Morgen in die warme Luft hinaussende, während er in Wahrheit doch nur das tue, was unverpaarte Vogelmännchen vor der Ankunft der Weibchen nun einmal tun: sich produzieren. Und vieles mehr in dieser Art, erzählt, nicht aufgelistet, von den Brutstätten der Nachtigall über ihre geografische Verbreitung bis zu ihrem Vorkommen in literarischen Werken, etwa im sechsten Buch von Ovids „Metamorphosen“.

          Natürlich liefert einem Wikipedia viel mehr harte Fakten. Und Fotos sowieso. Man kann die Nachtigall dort auch singen hören. Oder man zieht sich drei Stunden Nachtigallensound („no loop!“) auf Youtube rein, geht alles. Klar ist auch, dass nicht jeder die 25 alten Lederbände der „Encyclopaedia Britannica“ zu Hause hat, deren abgeriebenes Leder beim Herausnehmen ein bisschen bröselt, so dass man bei hellen Polstermöbeln aufpassen muss. Aber irgendetwas an der Gelehrtenkultur des 19. Jahrhunderts (auch Robert Louis Stevenson hat einen Eintrag zur neunten Auflage der „Encyclopaedia“ beigesteuert, nämlich über den heute vergessenen französischen Lyriker Jean Louis de Béranger) ist nicht digitalisierbar, braucht die räumliche Ausdehnung der 25 Bände, ihr massives Gewicht. Irgendetwas daran schreit nach stabilen Tischen, warmem Lampenlicht, viel Zeit und einem Sinn für die Schönheit entlegener Dinge, die niemandem etwas bringen und schon gar nicht „aktuell“ sind, sondern uns nur daran erinnern, dass menschliches Wissen einmal in vollendeter ästhetischer Form daherkam, die ja ihrerseits eine besondere Form des Wissens war.

          Den oben erwähnten Eintrag „Nightingale“ zeichnet übrigens ein gewisser A.N. Hinter dem Autorenkürzel verbirgt sich Alfred Newton, der bedeutende Cambridge-Ornithologe, dessen Standardwerke bis heute in den Regalen britischer birders stehen, und wer ganz viel Zeit hat, kann Newtons weitere Einträge in der ehrwürdigen „Encyclopaedia Britannica“ von damals lesen, etwa zu Adler, Bussard, Drossel, Eule, Falke, Fink, Flamingo, Gans, Geier, Habicht, Krähe, Kranich, Kuckuck, Möwe, Pelikan, Pfau, Pinguin, Schwan, Spatz, Specht, Truthahn, Wachtel. Nur mal zum Beispiel.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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