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Der Genforscher Christof von Kalle : Künstliche Enzyme sind die Chirurgen der Zukunft

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Restrisikoforscher: Christof von Kalle Bild: Marcus Kaufhold

Statt eine Medizinrevolution anzuzetteln, musste Christof von Kalle lernen, Genexperimente am Menschen sicherer zu machen. Sein Rat ist weltweit gefragt. Die Fortschritte der Gentherapie sind ihm zufolge kontinuierlich, aber noch weit von den euphorischen Prognosen der Anfangsjahre entfernt.

          Statt eine Medizinrevolution anzuzetteln, musste Christof von Kalle lernen, Genexperimente am Menschen sicherer zu machen. Sein Rat ist weltweit gefragt. Die Fortschritte der Gentherapie sind kontinuierlich, aber noch weit von den euphorischen Prognosen der Anfangsjahre entfernt.

          Zwei dreijährigen Kindern mit einem schweren Immundefekt hat man in Hannover vor Monaten neue Gene in die Blutzellen eingepflanzt, und den beiden, die heute vielleicht schon tot wären, geht es offensichtlich viel besser. Ist das so eine Erfolgsstory, wie sie Gentherapie nach vielen frustrierenden Jahren gebraucht hat?

          Es ist zu früh, zu sagen, ob die Behandlung der Kinder geglückt ist. Erfolgreich ist Kollege Christoph Klein insofern, als der Genvektor, die Virentaxis, die das korrekte Gen in die Zellen einschleusen, angekommen ist und eine Funktion im Immunsystem ausübt. Aber zu behaupten, dass das funktioniert hat, das ist zu früh.

          Trotzdem: Parkinson, Aids, Krebs, Netzhautdefekte, Erbkrankheiten - an vielen Fronten schien die Gentherapie zuletzt Erfolge verbuchen zu können. Ist das schon ein neuer Aufbruch?

          Das Feld ist erwachsen geworden. Die Gentherapie hat lange darunter gelitten, dass sie sozusagen überverkauft wurde. Man hat gemeint, das Prinzip ist so gut, dass man in drei oder vier Jahren die Probleme lösen kann. Heute wissen wir, dass es genauso aufwendig ist, Gentherapien in die Klinik zu bringen wie andere Arzneimittel. Bis zu fünfzehn Jahre Zeit und eine Investition von mehreren hundert Millionen Euro werden in der Regel benötigt, um ein neues Medikament verfügbar zu machen.

          Vielleicht ist ja jetzt, siebzehn Jahre nach der ersten Gentherapie an einem amerikanischen Mädchen, die Zeit der Ernte gekommen?

          Zumindest, was solche schweren angeborenen Immundefekte angeht, gibt es gute Erfolge. Weltweit sind mehr als dreißig solcher Patienten behandelt worden, von denen an die 25 eine deutlich positive Wirkung gezeigt haben.

          Was ist aus den anderen geworden?

          Natürlich gab es auch Nebenwirkungen. Vier Patienten in einer Studie haben T-Zell-Leukämien entwickelt, einer ist gestorben. Aber wir müssen doch feststellen, dass mehr als drei Viertel von diesen Behandlungsprotokollen profitieren.

          Die Gentherapie hat die Bewährungsprobe in der Klinik also bestanden?

          Das kommt darauf an, was man von ihr erwartet. Natürlich wollen wir Therapien entwickeln, die keinerlei Nebenwirkungen haben und zugleich die fehlerhafte Sequenz korrigieren. Uns fehlen dafür aber offen gestanden noch die richtigen Vektoren. Unsere heutigen Genvehikel verteilen ihr Gentherapeutikum mehr oder weniger zufällig im Genom. Ob daraus Nebenwirkungen entstehen, haben wir nicht völlig in der Hand. Es gibt noch dieses gewisse Restrisiko und auch eine Restunzufriedenheit.

          Lässt sich dieses Restrisiko überhaupt je ausschalten?

          Strenggenommen handelt es sich, wenn man dem Erbgut ein Gen hinzufügt, um eine Mutation, eine Veränderung des genetischen Codes. Dieses Potential haben auch andere Medikamente, die wir längst nutzen, etwa Chemotherapeutika oder Antibiotika. Die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, ist die, ob das Risiko des Eingriffs akzeptabel ist. Bei todkranken Patienten, die anders nicht mehr behandelt werden können, kann sich das lohnen. Ich meine, die Abwägung muss stimmen.

          Nicht nur die Unsicherheiten, auch die Kosten für solche Experimente sind noch immer gewaltig. Könnte das nicht auch zum Stolperstein für Gentherapeutika werden, selbst wenn die Europäische Union jetzt die Zulassungsvoraussetzungen für solche Studien erleichtert hat?

          Weltweit sind vielleicht um die zweitausend Patienten in kleineren Studien behandelt worden. Die meisten waren Krebspatienten. Die Gentherapie soll dann beispielsweise das Immunsystem gegen den Tumor stimulieren. Bis zu Zulassungsstudien mit Tausenden Patienten wird es aber noch dauern. Eine kleine Studie kostet mindestens eine halbe Million Euro, und wenn zehn Patienten teilnehmen, sind das oft mehrere Millionen Euro. Schon dazu müssen viele Institutionen zusammenarbeiten und Sponsoren gesucht werden.

          Ist das ein Grund, warum diese Forschung hierzulande mit derzeit einem halben Dutzend klinischer Gentherapie-Studien eher stagniert?

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