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Entstehung des Bewusstseins : Der Geist kommt nicht von oben

Ob hier ein ganz besonders Bewusstsein zuhause war? Eine Ausstellung zeigt Teile von Albert Einsteins Gehirn. Bild: dpa

Vom Gen zum Mem zum Intellekt: Daniel Dennett knöpft sich Fragen zur Entstehung des Bewusstseins vor. Hat der Geist eine geistlose Entwicklung hinter sich?

          „Bewusstsein“ ist ein Wort, dessen alltäglichem Gebrauch man kaum die Verwirrungen ansehen kann, die es abseits von ihm hervorbringt. Verliert einer das Bewusstsein, ist er nicht mehr ansprechbar. Tun wir etwas ganz bewusst, dann achten wir darauf und können davon mehr erzählen, als wenn wir es unachtsam tun. Genauso wie dann, wenn wir uns irgendeines Sachverhalts bewusst sind, nämlich ausdrücklich auf ihn achten. Oder auch auf eine eigene Tätigkeit achten, die wir ebenso gut ohne unser explizites Aufmerken ablaufen lassen könnten – sie also bewusst ausüben.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber kaum ist der Boden solcher alltäglichen Verwendungen verlassen, zeigt die Rede vom Bewusstsein ihre metaphysischen Mucken. Abgründige Probleme und Rätsel tun sich auf. Wir stellen uns etwa vor, dass jeder von uns sein eigenes inneres Bewusstseinskämmerchen hat, über dessen Inhalt nur er oder sie Bescheid weiß. Nie werden deshalb andere erfahren, wie meine Erfahrung der Farbe Rot sich für mich ausnimmt. Und überhaupt: Dieses innere Anfühlen der Welt und unserer Erfahrung von ihr in unserem Geist, wie soll es durch das wissenschaftliche Aufdröseln neuronaler Verarbeitungsmechanismen jemals erklärt werden? Zeigt nicht das Bewusstsein, unser bewusstes Denken, dieses in unserem Inneren auf rätselhafte Weise angeknipste Licht, die Grenzen jeder Wissenschaft auf? Oder erweist es sogar – wie der Philosoph Thomas Nagel es in einem vielbeachteten Buch konstatierte –, dass die Wissenschaft wesentlich unvollständig ist, weil sich diese Illumination – und damit auch die Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft – ihren Erklärungen entzieht?

          Theorie muss moderne Phänomene einfassen

          Auf diese Weise führt das Bewusstsein auf tiefe, „harte“ oder unlösbare Probleme. Der gesunde Menschenverstand gerät über sie ins Grübeln, Philosophen debattieren sie mit Verve, Kognitions- und Neurowissenschaftler mischen mit. „Bewusstseinsforschung“ ist ein Feld, auf dem nicht zuletzt heftig darüber diskutiert wird, was eigentlich und wie überhaupt zu erforschen sein soll.

          Daniel C. Dennett ist auf diese Debatten seit den achtziger Jahren in einigen viel beachteten, auch ins Deutsche übersetzten Büchern eingegangen. Unermüdlich verfocht er die Auffassung, dass das Bewusstsein und unser Geist mitnichten Klapptüren unterhalb normaler wissenschaftlicher Methoden öffnen, sondern deren Gegenstände wie andere auch sind. Heikle Gegenstände, bei denen – die Debatten zeigen es – tiefsitzende Intuitionen und Vorstellungen von unserem Geist verhandelt werden, aber eben doch keine, die die Sonderstellung verdienten, die ihnen gerne eingeräumt wird.

          Auch das jüngste Buch des mittlerweile sechsundsiebzigjährigen Professors für Philosophie und Direktors des Center for Cognitive Studies an der Tufts University bei Boston liegt auf dieser Linie. Schließlich gehen die einschlägigen Debatten unter Hirnforschern, Kognitionswissenschaftlern und Philosophen munter fort. Argumente sind deshalb zu schärfen, mit neuen Einsichten und Modellen – etwa der KI-Forschung und der evolutionären Anthropologie – abzugleichen, neue Varianten der Überzeugungsarbeit zu finden. Es geht da immer auch um Lockerungsübungen, das Weglocken von eingefahrenen Vorstellungen und voreiligen Intuitionen über das Funktionieren unseres Geistes, der irgendwie in der Welt und gleichzeitig doch nicht ganz in ihr sein soll.

          Dennett ist ein Meister solcher Lockerungsübungen, nie um erhellende Beispiele und anschauliche Erläuterungen für begriffliche und methodische Klärungen verlegen. Er demonstriert es einmal mehr in diesem Buch, in dem er vorführen möchte, wie man sich die Evolution unseres Geistes prinzipiell vorstellen kann. Natürlich nicht in Form einer Theorie, die die konkreten Schritte auf diesem Weg vom Bakterium an klärt – das könnte, weil sich Evolutionspfade nicht einfach noch einmal abspielen lassen, vielleicht tatsächlich nie in Beweismanier gelingen –, sondern durch die Konstruktion eines plausiblen Modellrahmens, in dem sich eine solche schrittweise Entwicklung konzeptualisieren lässt.

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