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„Der frühe Dürer“ in Nürnberg : Ein Maler will nach oben

  • -Aktualisiert am

Knabenkopf nach rechts geneigt um 1506 Bild: Katalog Germanisches Nationalmuseum

Bis zum Überdruss hat man uns mit seinen „Betenden Händen“, dem „Rasenstück“, seinen Madonnen und Kupferstichen geplagt. Wie wenig wir über Albrecht Dürer wissen, zeigt eine großartige Ausstellung in Nürnberg.

          Als im Dezember 2011 ein amerikanischer Kunsthistoriker im Garten der „American Academy“ in Berlin die verschollen geglaubte Sitzfigur „Dürer als Knabe“ entdeckte, war das allen deutschen Medien eine Schlagzeile wert. Frisch restauriert funkelt ihr weißer Marmor nun im Eingangsbereich der Nürnberger-Dürer-Ausstellung, die heute eröffnet wird; Kronzeuge der Vergöttlichung, die dem Maler seit der Romantik in Deutschland zuteil wurde - und gegen die nun das Germanische Nationalmuseum einen Befreiungsschlag wagt.

          Um 1882, als der Bildhauer Friedrich Salomon Beer die Statue mit der kapriziös gefalteten, turbanartigen Kappe und den üppigen langen Strähnen schuf, strebte der Kult von Dürer als einsamem, nur sich selbst verpflichtete Genie dem Zenit zu. Wenige Schritte entfernt, in der Sektion „Ich und mein Herkumen“, der ersten von insgesamt vier, ist die Silberstiftzeichnung von 1484 zu sehen, die Beer als Vorlage diente. Wie 1882 betrachtet man fassungslos dieses veristische Selbstbildnis eines Dreizehnjährigen. Ein Wunderkind? Die Ausstellung zeigt daneben zur Korrektur das ebenso wahrheitsgetreue, im selben Jahr entstandene Selbstbildnis des Vaters. Auch hier wirbeln (altersbedingt dünnere) Locken unter einer bauschigen Mütze, schonungslos wie der Sohn seine ungleiche Augenstellung stellt der Vater Gesichtsfurchen und die geschwollenen Finger des Goldschmieds zur Schau; welche Meisterschaft hier wie da, welche gnadenlose Hinwendung zur Welt, so wie sie ist.

          Kein Egomane

          Eines fällt ins Auge bei dem Knabenblatt, auf dem der erwachsene Dürer stolz vermerkte, er habe es gefertigt „do ich noch ein Kint was“: der im Gegensatz zur übrigen Hand viel zu große, starr bildauswärts gerichtete Zeigefinger. Misslungener Versuch, die den Stift haltende Hand wiederzugeben, oder Verweis auf den Spiegel, lässt er unwillkürlich die Ich-Bezogenheit eines Strebers assoziieren. „Ich, ich, ich“ - das rufen einem viele Werke des frühen Dürer im Licht dieser Ausstellung zu. Da sind die berühmten (hier nur als Fotografien gezeigten) Selbstporträts, in denen er sich erst als eleganter Schönling, dann als Kunstmessias inszeniert. Da ist sein prägnantes Monogramm, das er sorgfältig ausklügelte und immer an auffallender Stelle anbrachte. Und da ist die „Haller-Madonna“ (als Leihgabe der National Gallery Washington eine Attraktion), 1498 für den Nürnberger Patrizier Wolf III. Haller gemalt. Sie strotzt geradezu vor Bemühen, sich als Maler zu beweisen, der die Neuerungen - Weltlandschaften, zentrale Draperien, täuschende Wiedergabe von Marmor, Stoffen, Haut, Glas -, der niederländischen und italienischen Malerei beherrscht. Doch aus dem Gesicht der Maria schaut uns Dürer an - die gleichen Augen, der gleiche Mund, die gleiche Nase.

          Es braucht nicht die sensationslüsternen Deuteleien der Vorberichterstattung um Dürers (längst bekannte) Homosexualität und Eitelkeit, wenn man Erklärungen für diese auffallende Ichbezogenheit sucht: Auch wenn der Künstler wie besessen von sich und seinen Befindlichkeiten berichtete, ein Egomane war er nicht. Sondern Kind seiner Zeit und Nürnbergs, der internationalen Kaufmannsstadt. Vom „Burgstraßen-Milieu“ und dessen „Verdichtung wirtschafts- und geistesgeschichtlicher Superlative“ spricht die Ausstellung, wenn sie Dürers Werden und das demonstrative Hervorkehren der eigenen Persönlichkeit dokumentiert. Der Maler stellte sein Genie derart zur Schau, auch weil ihn die auf die Kunst Italiens und der Niederlande fixierte Umwelt dazu zwang.

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