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Fotograf Peter Beard wird 80 : Die Schönen und die Biester

„Ich schreibe wo immer ich kann“. Zum Beispiel im Maul eines Krokodils am Lake Rudolph in Kenia, 1965 Bild: Courtesy Peter Beard Studio

Er gilt als der letzte Jäger mit der Kamera. Anklagend war er unterwegs in Afrika: Nun wird der amerikanische Fotograf und Abenteurer Peter Beard 80 Jahre alt.

          Vor zehn Jahren hat Peter Beard noch einmal richtig aufgedreht. Da ließ er für Kalenderfotos des Reifenherstellers Pirelli in der Wildnis des Okavango-Deltas spärlich bekleidete junge Damen auf Bäume reißaus nehmen vor Elefanten, die mit dem Rüssel um sich schlugen, oder sie schritten nackt mit gazellenlangen Beinen auf Giraffen zu und reichten ihnen eine Schale zu Trinken. Da war alles beieinander, was ihn zeitlebens interessiert hat: Eleganz und Ursprünglichkeit, Erotik und Kraft, die Schöne und das Biest, der blasierte Westen und das wilde Afrika. Seine Behauptung, er wolle mit den Aufnahmen ein Bewusstsein für die Probleme Afrikas schaffen, überzeugte damals nicht jeden. War das Alterswitz oder Selbstüberschätzung? Sexueller aufgeladen jedenfalls war kein Pamphlet zum Naturschutz je zuvor. Für den Auftrag hat er eine Million Dollar erhalten: „Isn’t that crazy?“

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Peter Beard war keine zwanzig, als er Afrika Mitte der Fünfziger zum ersten Mal besuchte, inspiriert durch die Lektüre des Romans „Out of Africa“ von Karen Blixen. Zwar nahmen ihm seine Erlebnisse augenblicklich den Glauben, zurückkehren zu können in einen Garten Eden. Dennoch kam er bald wider, kaufte in Kenia das Nachbargrundstück der Schriftstellerin, freundete sich mit ihr an und lebte dort über Jahrzehnte wie zwischen Ernest Hemingway, Albert Schweitzer und Helmut Newton. Mit seinem Bildband „Die letzte Jagd“, einem ebenso eindrucksvollen wie erschütternden Dokument der Zustände in den Wildparks, formulierte er 1963 seinen Abgesang auf das romantisierte Bild Afrikas. In düsteren Schwarzweißbildern erzählt er vom Untergang: Bilder von Gerippen und Kadavern zu Hauf ergänzte er um historische Fotografien, Zeichnungen und handschriftliche Tagebucheinträge. Es ist ein schwer erträgliches Buch von einer seltsamen ästhetischen Kraft. Man kann es als Anklageschrift im Namen Zehntausender verhungerter und abgeschlachteter Tiere verstehen. Schnell wurde es zum Klassiker. Viel bewirkt hat es nicht.

          Über Schönheit und Wahrheit

          Es sei alles noch viel schlimmer geworden, klagte Beard in späteren Auflage. Und in der Ausgabe von 2008 schreibt er von „einem der größten Desaster in der Geschichte des Naturschutzes“ und davon, dass „eine Bande korrupter, gieriger Schurken und Krimineller“ die Instrumente der Macht an sich gerissen und „das wunderschöne Land Kenia als Geisel genommen“ habe. Zugleich freilich suchte er für einen Blick aufs Land aus anderer Perspektive immer wieder nach den schönsten Frauen der Massais, fotografierte sie barbusig unter der stechenden Sonne der Savanne und ebnete etwa Iman Abdulmajid den Weg zur Weltkarriere als Mannequin, woraus Beard reichlich Märchenstoff spannte.

          „Schönheit“ ist die eine stets wiederkehrende Vokabel im Wortschatz Peter Beards, die andere ist „Wahrheit“, bisweilen setzt er die Begriffe synonym. Aber das scheint bei ihm weniger dem Programm eines Künstlers geschuldet, als der hedonistischen Einstellung von jemandem, den man früher einen Mann von Welt genannt hätte.

          Fotograf des Pirelli Kalenders 2009: Peter Beard

          Peter Beard zählt zu den Figuren der Kunst und der Fotografie, die niemand besser hätte erfinden können. Als Sprößling einer reichen Familie – sein Urgroßvater war Gründer der Great Northern Eisenbahngesellschaft – folgte er ungezügelt stets nur seinen Launen. Dem Studium der Kunstgeschichte an der Universität Yale folgte der Spaß an der Fotografie, der Rolle des selbsternannten Wildhüters in Afrika der Beruf des Modefotografen in New York. Im Jetset der Stadt wurde er so etwas wie ein Planet, um den die anderen kreisten: Andy Warhol und Truman Capote, Mick und Bianca Jagger. Jaqueline Onassis hüpfte nackt in den Pool n seiner Villa in Montauk. So bot er der Boulevardpresse reichlich Stoff, der sich mit seinem kantigen Konterfei eines Dressman trefflich illustrieren ließ – halb Tarzan, halb Lord Byron, wie bei Gelegenheit geschrieben wurde.

          Genau diese Zerrissenheit, wird Beard nicht müde zu erklären, mache sein Wesen und das seiner Arbeit aus – sein Thema: das „Nicht-miteinander-sprechen-Können der Kontinente“. Wie ernst es ihm damit ist, belegen seine mit Besessenheit gefertigten Kladden, in die er Tausende von Abzüge gepackt hat, mit Zeitungsfetzen überklebt, mit Blut und Farbe überschmiert und um fast kalligraphisch schwungvoll geschriebene Texte ergänzt. Ganze Welten eröffnen diese an Wahnsinn grenzende Collagen, für die ihm kein Thema zu banal und keines zu brutal ist: von privaten Eskapaden oder der zerstörten Wildnis bis zu Weltverschwörungstheorien. Sie künden nicht nur von tiefem Misstrauen in das Einzelbild, sondern gleich von der Unverständlichkeit der Welt. Lange Zeit als Kitsch verschrien und von Beard allenfalls in Bars aus den Büchern gerissen, um damit die Zeche einer Nacht zu bezahlen, machen die Blätter ihn mit horrenden Preisen längst zu einem Liebling des Kunstmarkts. Heute wird er achtzig Jahre alt.

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