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Der „Fall Miranda“ und der „Guardian“ : Skandal mit Bart

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Britische Presse lässt der Fall des „Guardian“ kalt. All jene, die sonst aufschreien, wenn sie Übergriffe des Staates auf die Freiheit der Bürger wittern, üben sich in Zurückhaltung.

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          Als der prominente BBC-Journalist Jeremy Paxman kürzlich, frisch aus den Ferien, erstmals wieder die abendliche Nachrichtensendung moderierte, trug er einen Bart. Daraufhin liefen die Drähte heiß, als sei etwas Weltbewegendes geschehen. Tagelang diskutierten Kolumnisten das Für und Wider der Gesichtsbehaarung. Paxman ließ sich zu einem Erfahrungsbericht bewegen, in dem er die Bürde der Bartträger schilderte und von der Diskriminierung sprach, der diese unter anderem in der BBC ausgesetzt seien. Die „Sunday Times“ machte den BBC-Moderator schließlich zum Gegenstand ihres wöchentlichen Porträts.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Man könnte meinen, Paxmans Bart sei ein Politikum wie seinerzeit der Zwischenfall, der unter Thomas Carlyles Bezeichnung „Krieg um Jenkins’ Ohr“ in die Geschichte eingegangen ist. Gewiss, die Zeitungen müssen zusehen, wie sie das Sommerloch füllen. Dennoch ist es erstaunlich, dass die Debatte um Paxmans Bart sie mehr zu beschäftigen scheint, als die in anderen Ländern seit den Enthüllungen des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden leidenschaftlich debattierte Frage um das Ausmaß und die Rechtmäßigkeit der staatlichen Überwachung des Internetverkehrs. Sie hat in Großbritannien längst nicht so viel Beachtung gefunden.

          Viele Fragezeichen hinter den Enthüllungen

          Auch jetzt, da die Affäre eine dramatische neue Wendung bekommen hat durch das unter Berufung auf die britische Anti-Terror-Gesetzgebung stattgefundene Verhör von David Miranda, dem brasilianischen Lebensgefährten des amerikanischen Journalisten Glenn Greenwald, der Snowdens Material für den „Guardian“ bearbeitet hat, hält sich die Konkurrenz mit Berichterstattung zurück. Bislang gibt nur die BBC dem Fall Miranda ein ähnliches Gewicht wie der „Guardian“, der freilich auch in eigener Sache handelt. Kritiker der linksliberalen Gesinnung des öffentlich-rechtlichen Senders karikieren den „Guardian“ denn auch gern als die Mitarbeiterzeitung der BBC.

          Die „Times“ widmete dem Vorgang zwar einen - an dritter Stelle plazierten - Leitartikel, der forderte, dass die Polizei klarstelle, weshalb sie David Miranda nach einem nur an Grenzübergängen gültigen Absatz der Anti-Terrorgesetzgebung festgehalten und neun Stunden lang - die maximal zulässige Zeit ohne Anklageerhebung - vernommen habe. Die recht knappe Nachricht dazu stand jedoch, wie beim „Daily Telegraph“ auf einer hinteren Seite.

          Die Hemmungen vor einem stärkeren Engagement in der Snowden-Affäre, auch seitens jener Medien, die sonst aufschreien, wenn sie Übergriffe des Staates auf die Freiheit der Bürger wittern, wird mitunter damit begründet, dass die Konkurrenzblätter dem „Guardian“ nicht noch Auftrieb geben wollten.

          Diese These hält aber nicht stand, wenn man die vom „Guardian“ enthüllten Geheimdienst-Praktiken mit einer anderen großen Exklusivgeschichte vergleicht: dem Skandal um die Abgeordnetenspesen vor vier Jahren, auf die alle britischen Medien mit dem gleichen Eifer eingegangen sind, obwohl das Material im Besitz des „Daily Telegraph“ war, so wie jetzt der „Guardian“ den Zugang zu den von Snowden kopierten Geheimdienstakten hat. Die allgemeine Zurückhaltung lässt sich wohl eher mit einem Unbehagen erklären, das der Fall Snowden weckt, weil noch so viele Fragezeichen hinter den Enthüllungen und dem Fall Miranda stehen.

          Die Berichterstattung des „Guardian“ in eigener Sache haben die Bedenken derer gestärkt, die Snowden eher als Verräter denn als Whistleblower sehen. Im ersten Aufmacher über das Verhör in der Transithalle des Flughafens Heathrow schien der „Guardian“ zu unterstellen, Miranda sei lediglich wegen seiner Beziehung zu Greenwald festgehalten worden. Die Zeitung meldete außerdem, die Polizei habe Miranda den Zugang zu einem Anwalt verweigert.

          Kurier in Sachen Snowden 

          Erst nach und nach sickerte durch, dass Greenwald seinen Lebensgefährten in Sachen Snowden als Kurier einsetzt, dass Miranda sich in Berlin mit der amerikanischen Dokumentarfilmerin Laura Poitras traf, die den Kontakt zwischen Greenwald und Snowden hergestellt hatte, und dass er möglicherweise heikles Material mit sich führte. Unter diesen Umständen sind manche Beobachter weniger geneigt, das Vorgehen von Polizei und Regierung kurzerhand zu verurteilen, so bedenklich die Vorgänge sein mögen, die Alan Rusbridger, der Chefredakteur des „Guardian“, in einem Kommentar zum drohenden Überwachungsstaat geschildert hat.

          Dabei hat er enthüllt, dass die Regierung mit rechtlichen Maßnahmen gedroht habe, wenn der „Guardian“ Snowdens Material nicht zurückgebe oder es zerstöre. Im Wissen, dass andere Kopien vorhanden sind, beschloss Rusbridger, die Festplatten zu vernichten. Sowohl die Regierung als auch der „Guardian“ schrecken vor dem langwierigen Rechtsweg zurück. Die Regierung fürchtet eine Niederlage, die Zeitung, das Material dem Gericht übergeben zu müssen und in der Zwischenzeit nicht berichten zu können. Der nebulöse Zustand könnte andauern.

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