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Der Fall Gu Kailai : Mord mit System

Ein Screenshot zeigt Gu Kailai Anfang August bei Gericht. Inzwischen kursieren im Internet Gerüchte um die Identität der Angeklagten... Bild: dapd

Blinde Flecken eines chinesischen Prozess: Das Verfahren gegen Gu Kailai, das nun mit einem aufgeschobenen Todesurteil endete, ist reich an Lücken und Unstimmigkeiten.

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          Als „Märchenerzählung“ und „Justiz-Parodie“ hat der Pekinger Rechtswissenschaftler He Weifang den Mordprozess gegen Gu Kailai, die Frau des früheren Politbüromitglieds Bo Xilai bezeichnet, der jetzt mit dem erwarteten aufgeschobenen Todesurteil, voraussichtlich also einer lebenslangen Freiheitsstrafe, zu Ende ging. Aber auch Märchen können aufschlussreich sein, wenn sie etwas über die Weltsicht des Erzählers verraten. Die entscheidende Stelle in der Geschichte, die das Verfahren über die Ermordung des britischen Geschäftsmanns Neil Heywood in die Welt setzte, war der Zeitpunkt, als Frau Gu klargeworden sein soll, dass ihr Sohn durch Heywood akut bedroht werde und dass sie ihn aus dem Weg räumen musste. Was tat sie da? Sie informierte als Erstes den Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun, und versuchte ihn dazu zu überreden, Heywood bei einer Drogenrazzia aus Versehen zu erschießen. Als Wang von dieser Idee Abstand nahm, unterrichtete Frau Gu ihn über ihren eigenen Mordplan, worauf dieser mit Hilfe ihm untergebener Polizeioffiziere sicherstellte, dass alle Spuren des Verbrechens getilgt wurden. Allerdings war dieser Wang umsichtig genug, im Stillen Blutproben des Opfers, ein Partikel seines Magens und sogar den Tonbandmitschnitt eines kompromittierenden Telefongesprächs mit Frau Gu aufzuheben.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Rest ist bekannt: Aus nicht näher genannten Gründen entzweite sich Wang mit seinem Chef Bo Xilai, machte den Mord im Konsulat der Vereinigten Staaten bekannt und brachte so die ganze Affäre ins Rollen; jetzt sollen die von ihm einbehaltenen Dokumente die entscheidenden Beweismittel gegen Gu gewesen sein. Die Schlüsselfrage aber ist: Wie kann ein Mensch mit Mordplänen im Herzen auf die Idee verfallen, davon als Erstes den Polizeichef in Kenntnis zu setzen? Die Antwort betrifft nicht bloß die Psychologie einer einzelnen Person, sondern das System: Die Mörderin fühlte sich absolut sicher, weil die Organe des Staats ihr auch sonst zu Willen waren. Eine schon früher verbreitete Anekdote erzählt, wie die Frau des Parteisekretärs den besagten Polizeichef Wang einmal aus dem Restaurant heraus anrief, um ihn einige am Nebentisch lärmende Polizeikollegen festnehmen zu lassen. Die Polizei, die Justiz, der Staat erscheinen in dieser Mordgeschichte als Beute, die sich einige Funktionärskreise unter den Nagel gerissen haben.

          Ein Gefühl von Unwirklichkeit

          Das ist, wohlgemerkt, die offizielle Geschichte, wie sie in dem an Lücken und Unstimmigkeiten reichen Prozess selbst erzählt wurde. Allerdings weist die Kommunikation darüber ein bemerkenswertes Gefälle auf. In der sonst sehr ins Detail gehenden Zusammenfassung, die die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua von dem Verfahren gab, fehlte die Episode von dem vorher eingeweihten Polizeichef. Und doch wurde dafür gesorgt, dass sie auf anderen Wegen ins Internet kam. Ein bisher öffentlich nicht in Erscheinung getretener Prozessbesucher hatte in einem Blogeintrag unter anderem diese Details des Verfahrens preisgegeben. Andere Prozessbeteiligte bestätigten den Bericht. Gestern wurden auch die Urteile gegen vier Polizisten, denen Vertuschung vorgeworfen wird, bekanntgegeben (fünf bis elf Jahre Gefängnis). Ein Bezug zu deren politischem Umfeld wurde freilich in dem im Stillen abgewickelten Verfahren nicht hergestellt; die Verhandlung gegen Wang Lijun, den Chef, folgt später.

          ...weil sich das aufgeschwemmte Gesicht der Frau im Gerichtssaal dermaßen von der aparten Erscheinung der glamourösen Frau, die Gu Kailai früher war (hier mit ihrem Mann Bo Xilai im Jahr 2007), unterschied
          ...weil sich das aufgeschwemmte Gesicht der Frau im Gerichtssaal dermaßen von der aparten Erscheinung der glamourösen Frau, die Gu Kailai früher war (hier mit ihrem Mann Bo Xilai im Jahr 2007), unterschied : Bild: REUTERS

          Sogar in der offiziellen Erzählung selbst sind also Zeigen und Verbergen eigentümlich gemischt. Was bedeutet es da, dass die Internetkommentare zum Fall bisher streng zensiert wurden, sich jetzt aber in ungeheurer Zahl über die Milde des Urteils empören dürfen? Das staatliche Fernsehen CCTV berichtete über Prozess und Urteil, doch die Angeklagte war da jeweils nur für Sekunden von vorn, sonst von hinten oder der Seite zu sehen. In Verbindung mit den vielen unbeantworteten Fragen - vor allem: Welche Rolle spielt eigentlich der Gatte, Bo Xilai? - erzeugte dies ein Gefühl von Unwirklichkeit, die manche Wortmeldungen im Internet an allem zweifeln ließ, sogar an der Identität der Angeklagten selbst. Das aufgeschwemmte Gesicht der Frau im Gerichtssaal unterschied sich dermaßen von der aparten Erscheinung der glamourösen Frau, die Gu Kailai früher war, dass einige Gerüchte gleich wissen wollten, es handele sich in Wirklichkeit gar nicht um sie, sondern um eine mit Namen genannte 46 Jahre alte Bürgerin der Provinz Hebei.

          Dass die Beteiligung von Staatsorganen an dem Verbrechen zugleich benannt und verschwiegen wird, hat wohl mit den unterschiedlichen Funktionen zu tun, die der Prozess erfüllen soll: Er soll die ausländischen Beobachter zufriedenstellen und der chinesischen Öffentlichkeit demonstrieren, dass Kaderkreise keine Sonderbehandlung genießen, er soll die Reglementierung von Bo Xilai vorbereiten, aber auch seine immer noch vorhandenen Anhänger nicht zu sehr verschrecken. Die schwierigste Gratwanderung aber dürfte sein, Bo Xilais Chongqing-System, in dem Funktionäre den Staat für ihre Zwecke usurpierten, zu ächten und dabei das chinesische System im Ganzen ungeschoren zu lassen.

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