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Der Exodus - Teil 3 : Deutschland

Zufluchtsort Friedland: Das ehemalige Grenzdurchgangslager wird für immer mehr verfolgte Iraker zu einer Zwischenstation Bild: Daniel Pilar

Für viele Christen ist Deutschland das endgültige Ziel ihrer jahrelangen Flucht. Im europäischen Vergleich leben hier die meisten Iraker - sehr viele von ihnen illegal.

          7 Min.

          Fadea Fakhriy-Eliya und Yousif Moeed-Butros bewarben sich nicht. Nicht für Amerika. Nicht für Australien. Sie wollten nach Europa, ohne Umweg. Das ist nur mit Schleusern möglich. Und es ist lebensgefährlich. Das Ehepaar lebte mit zwei Söhnen in Mossul, in einem großen Haus. In der Nachbarschaft wohnten Muslime und Christen, man verstand einander gut, Religion spielte keine Rolle. Sie arbeitete als Lehrerin, unterrichtete Englisch und Geschichte, er besaß eine Autowerkstatt. Die Familie führte ein gutes Leben. Bis 2003. Neben ihrem Glauben wurde Fadea Fakhriy-Eliya ihr Beruf als Englischlehrerin zum Verhängnis. Kollegen und Schüler mobbten sie. Sie stehe auf der Seite des Feindes, vertrete die westlichen Werte, trage kein Kopftuch. Sie sei eine Verräterin. Einmal versuchten Terroristen Fadea Fakhriy-Eliyas Bruder zu entführen, doch sie, ihr Mann und Nachbarn zogen ihn wieder aus dem Entführerauto.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Trotz aller Gefahr wollte die Familie den Irak lange nicht verlassen. Das Land ist ihre Heimat. Die Verwandten leben dort, die Freunde, Fadea Fakhriy-Eliyas Vater wurde hier beerdigt. Die Lage, hofften sie, bessere sich irgendwann. 2009 erkannten sie, dass sie sich zuspitzte. Sie mussten flüchten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie den Irak noch nie verlassen.

          „Als Eltern dürfen sie nicht an sich, sie müssen an ihre Kinder denken“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. An Yousif, vierzehn Jahre, und Ferand, elf Jahre alt. Sie sollten im Leben eine Chance haben und nicht von vornherein keine. „Der Norden war ausgeschlossen, wir sprechen kein Kurdisch, die Aussicht auf Arbeit ist schlecht“, sagt Yousif Moeed-Butros. Er ist ein ganzes Stück größer als seine zarte Frau, die Gesichtszüge sind weich, die deutsche Sprache ist ihm noch fremd. Fadea Fakhriy-Eliya spricht gut Deutsch, mit fester Stimme. Man hat den Eindruck, dass er ihren Schutz mehr benötigt als sie seinen.

          Heinrich Hörnschemeyer, Leiter des Grenzdurchgangslagers Friedland
          Heinrich Hörnschemeyer, Leiter des Grenzdurchgangslagers Friedland : Bild: Daniel Pilar

          Schleuser zu engagieren ist nicht nur lebensgefährlich, es ist auch teuer: 100.000 Dollar, die Hälfte vor Antritt der Fahrt, die andere nach Ankunft. „Die Schleuser“ nehmen das Geld, aber sie geben keine Informationen“, sagt Yousif Moeed-Butros. Nicht über die Route. Nicht, wie lange es dauern wird. Nicht, wohin in Europa die Reise führt. Vielleicht nach Österreich, Schweden, Deutschland. Ein Glücksspiel. In der Nähe von Mossul, bei Nacht, bestiegen sie einen Lkw. Der Lkw hatte Kekse geladen, außer in seiner Mitte, wo für vier Menschen Platz war, eine Art Höhle, in der sie sitzen konnten, aber nicht liegen. Es gab Essen und Trinken. Gerade genügend, um nicht zu sterben. „Wir konnten nur das Geld, ein paar Fotos und Dokumente mitnehmen“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. Ihr Haus ließen sie zurück, möbliert, einzugsfertig, unmöglich, es zu verkaufen. Jetzt wohnen Muslime darin. „Umsonst“, sagt Yousif Moeed-Butros.

          Permanenter Dunkelheit ausgesetzt, verliert man das Zeitgefühl. Ist es noch Tag, schon Nacht oder wieder Tag? Und in der Enge schmerzt alles. Der Rücken. Die Beine. Der Kopf. Manchmal weinten die Söhne. Einmal wechselten sie auf einem Parkplatz den Lkw. „Es muss in Griechenland gewesen sein oder der Türkei“, sagt Fadea Fakhriy-Eliya. Die Fahrt dauerte eine Woche. Eine Woche Ungewissheit. Eine Woche Angst. Dann hielt der Lkw.

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