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Der Exodus - Teil 2 : Libanon

Täglich fliehen Menschen christlichen Glaubens aus dem Irak. In Syrien und Jordanien landen die meisten von Ihnen. Am beliebtesten aber ist der Libanon, denn das Land wird von einem christlichen Präsidenten regiert Bild: F.A.Z.

Der Libanon ist eines der Länder, die den irakischen Christen Zuflucht gewähren. Auch wenn die Visa der Flüchtlinge nach einem Monat abgelaufen sind, werden sie nicht ausgewiesen - die libanesische Regierung schaut einfach weg.

          2 Min.

          Beirut im Stadtteil Sad Albouchariya, 745 Kilometer von Mossul entfernt: Der Sonntagsgottesdienst in der assyrischen St.-Georgs-Kirche beginnt gleich. Wächter mit Kalaschnikows gibt es hier nicht. Die Angst ist weit weg. Männer und Frauen mit Kindern an der Hand treten in den Innenhof, begrüßen einander, bleiben kurz stehen, plaudern. Es ist einer der ersten warmen Tage im Libanon. Auf Hemden und Blusen liegen goldene Kreuze. Vertrautheit liegt in den Gesten der Kirchenbesucher. Als der Priester vor dem Altar die Hände zum Gebet erhebt, ist die sporthallengroße Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt: Etwa dreihundert Menschen sind gekommen, um gemeinsam die Messe zu feiern. Sie alle sind aus dem Irak geflüchtete chaldäische Christen; stammen aus Bagdad, Mossul, der Ninive-Ebene. Da es keine chaldäische Kirche in Sad Albouchariya gibt, hat die assyrische Gemeinde ihnen ihre zur Verfügung gestellt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nach der Messe laden Samira Ibrahim und ihr Mann zum Tee nach Hause ein. Es ist nicht weit. Die Häuser der Flüchtlinge verteilen sich auf vier Straßenzüge. Seit Jahren herrscht ein Kommen und Gehen: Kann eine irakische Familie nach zwei bis drei Jahren weiterreisen, weil das UNHCR ein Aufnahmeland gefunden hat, zieht in die frei gewordene Wohnung bald eine neue ein. Jene, die zuvor in Samira Ibrahims lebte, wohnt jetzt in Amerika. Ein Leben im Transit. Ein Atemholen auf einer Reise, deren endgültiges Ziel sich erst hier in Beirut herauskristallisieren wird. Das ist auszuhalten: Die Menschen wissen, dass die Verfolgung hinter ihnen liegt. Alles, was kommt, wird besser sein, als was sie durchmachten.

          Mit Call-Shops, von denen aus man mit der verlorenen Heimat und Verwandten in aller Welt telefonieren kann, hat sich das Viertel auf Sehnsüchte eingestellt. Die irakische Diaspora ist riesig.

          Irakische Christin während der Messe in der St.-Georgs-Kirche in Beirut.
          Irakische Christin während der Messe in der St.-Georgs-Kirche in Beirut. : Bild: Karen Krüger

          Samira Ibrahim hat eine Tante in Australien. Sie träumt von Sydney. „Wir werden endlich in Ruhe leben“, sagt sie.

          Zwei Zimmer hat die Wohnung der vierköpfigen Familie. Ihr Haus in Bagdad hatte zwei Stockwerke. Was dort in einer Februarnacht 2008 geschah, erzählt sie erst, nachdem ihr Sohn Naramseen nach draußen verschwunden ist. „Noch immer weint er, wenn jemand davon spricht.“ Er war damals sechs, Tochter Nahren elf. Eines Abends stürmten Angreifer der Mahdi-Miliz das Haus. Die Mahdi-Milizionäre gelten als die größten Schlächter im Irak, sie haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Anschläge auf Amerikaner verübt. Sie hielten dem Jungen eine Pistole an den Kopf, drohten, alle umzubringen, sollten Samira Ibrahim und ihr Mann nicht sofort ihre Arbeit bei den Amerikanern kündigen. Sieben Jahre hatten sie als Übersetzer für das Minenräumprogramm des amerikanischen Verteidigungsministeriums gearbeitet. Samira Ibrahim stand vor einer Beförderung. Doch jetzt packte die Familie ihre Koffer und verließ ihre Heimatstadt in derselben Nacht.

          Blutuntersuchung, Röntgenbilder, solche Dinge

          Erst ins kurdische Arbil, in das die Schwester geflüchtet war. Zwei Wochen später saßen sie im Flugzeug nach Beirut.

          Was dann folgte, ist ein administratives Verfahren, das jeder Flüchtling über sich ergehen lassen muss: die Registrierung beim UNHCR. Zwei Monate später ein Interview. Drei Monate später ein weiteres, zwei weitere Monate später ein drittes, bei dem man angibt, in welches Land man will. Wer sich Australien ausgesucht hat, dem stehen drei weitere Interviews mit der australischen Botschaft bevor - vorausgesetzt, Australien akzeptiert den Antrag. Außerdem eine Reihe medizinischer Tests: Blutuntersuchung, Röntgenbilder, solche Dinge. Wenn alles gut läuft, sind mindestens zwei Jahre vergangen, bis die Flüchtlinge ein Visum erhalten. Familie Ibrahim ist seit drei Jahren hier. Sie warten auf einen Termin für die medizinischen Untersuchung. Für den Fall, dass Australien sie ablehnt, haben sie sich noch für Amerika beworben. Nach Deutschland wollten sie nicht, sie sprechen kein Deutsch.

          Teil 3 der Reportage über die Christenverfolgung 2011: Deutschland

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