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Der erste Herbst der E-Scooter : Freie Fahrt mit freien Ohren

  • -Aktualisiert am

Eine E-Scooter-Fahrerin im herbstlichen Berlin. Bild: Reuters

Auf den deutschen Straßen fahren die E-Scooter durch ihren ersten Herbst – auch wenn die Kleidung ihrer Fahrer nicht danach aussieht. Schon sind erste Erkältungen zu melden, sehr bald wird Schlimmeres kommen.

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          Wenn man Glück hat, sieht man noch welche: Lautlos gleiten sie, wie eh und je, dahin, in so gut wie regungsloser Selbstsicherheit, die immer noch von der Einbildung genährt sein mag, Teil einer verkehrstechnischen Avantgarde zu sein, einer individualverkehrstechnischen wohlgemerkt und insofern ja auch einer egoistischen. Sie tanken nicht, sie hupen nicht, und der himmlische Verkehrsvater bugsiert sie doch immer wieder von A nach B. Möge er ihnen noch ein paar südliche Nachmittage schenken, an denen ihnen die Herbstsonne auf den Pelz scheint wie im unvergesslichen Sommer, dem ersten im Zeichen des E-Rollers.

          Huiihh!, jetzt kommt einer von hinten, Platz da!, weg ist er, frei wie ein Vogel und Gott ein Wohlgefallen, der die, die dem Herbst tapfer trotzen, gewähren lässt – noch jedenfalls. Inzwischen verlangen nicht nur Morgen und Abend, sondern auch die Tage nach wärmerer Kleidung. Denn so ist es nun ganz zweifellos: Die erste Roller-Generation braust ihrem ersten Herbst nicht etwa entgegen, sondern steckt mittendrin, ohne dass erkennbar wäre, dass sie sich kleidungstechnisch groß danach richtete. Immer noch kurven die meisten herum, als wäre Sommer, Mütze Fehlanzeige, Helm sowieso. Und das, wir deuteten es oben schon an, indem auf dem Brett absolut stillgestanden wird.

          Gleiten und gleiten

          Anders als bei benzingetriebenen Motorrollern gibt es keinerlei Verkleidung am Lenker, die vor Wind und Wetter schützen könnte. Das halte dann aus, wer kann. Und temperaturtechnisch ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Schon sind erste Erkältungen zu melden, sehr bald wird es Schlimmeres geben: Hals-, Nasen-, Ohren- sowie Lungen-, Stirn- und Nebenhöhlenentzündungen und was nicht noch alles, der volkswirtschaftliche Schaden dürfte in dreistellige Millionenhöhen gehen, die Arbeitgeber und die Krankenkassen, denen schon die handfesten Unfälle ein Dorn im Auge waren, werden sich die nun doppelt leichtsinnige Herumkurverei wohl nicht mehr lange ansehen und dem Gesetzgeber Druck machen.

          Aber das soll nicht die Sorge der Rollerfahrer sein, die gleiten und gleiten, wie ein Vogel, der es versäumt hat, gen Süden zu ziehen. Sagen wir es, einen guten Rat lyrisch verpackend, so: Wer sich jetzt keinen Roller mehr leiht, braucht auch keinen mehr. Und wer noch einen hat, stelle ihn jetzt irgendwo, am besten mitten im Weg, ab, das Gefährt ein stummes, womöglich bald schneebedecktes Relikt seiner Abenteuerlust und Bequemlichkeit. Wie dichtete der Philosoph? „Nun stehst du bleich/Zur Winter-Wanderschaft verflucht/Dem Rauche gleich/Der stets nach kältern Himmeln sucht.“ (Nietzsche) Tja, jetzt steht der Rollerfahrer in der Tat bleich und dumm da, ein Narr, der an das Naheliegende nicht gedacht hat, von seinen Instinkten verlassen. Und – der Elektrizität sei Dank – er verbreitet noch nicht einmal Rauch, der nach kälteren Himmeln suchen könnte. Da gibt es nur eines: Fahrrad fahren. Oder laufen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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