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Kapitalismus und Buddhismus : Der erleuchtete Angestellte

Der EZB-Neubau, Bild eines alle Gegensätze ausbalancierenden Kosmos, der vollkommene Ausdruck des Yin Yang-Prinzips, Bild: ECB / Robert Metsch

Von Google bis zur Weltbank: Der Kapitalismus scheint immer buddhistischer werden zu wollen. Braucht er die östliche Spiritualität, um zu überleben? Und: Wer unterwandert da wen?

          Als die Blockupy-Aktivisten kürzlich gegen die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main Sturm liefen, hatten sie für den Umbruch der symbolischen Formen, der sich in deren Neubau zeigt und der für die Zukunft des Systems womöglich von Bedeutung ist, kein Auge. Da ragen keine Monolithen mehr linear und selbstgenügsam in den Himmel, da verschränken sich zwei eigentümlich in sich gekrümmte Türme, die sich einzeln gar nicht aufrecht halten zu können scheinen; wo die eine Schwerkraft anfängt und die andere aufhört, ist in diesem Gebilde nicht mehr entscheidbar.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei aller steil aufragenden Schroffheit ist es das Stahl und Glas gewordene Bild eines alle Gegensätze und Widersprüche ausbalancierenden Kosmos - mit anderen Worten: der vollkommene Ausdruck des Yin Yang-Prinzips, an dessen Emblem sich ein Kritiker bei der Draufsicht auf das Gebäude von oben denn auch erinnert fühlte.

          Dass sich das gegenwärtige Finanzsystem im allgemeinen und der Hüter der europäischen Währung im besonderen nicht vor allem als Vertreter von Interessen, sondern als eine alles partikulare Hauen und Stechen austarierende Parallelwelt eigener Ordnung versteht, lässt sich offenbar am besten mit den Zeichen und Kategorien des fernen Ostens verstehen, in diesem Fall des Taoismus. Es mag Zufall sein, dass auch ein Vorstand der Deutschen Bundesbank bei Yin und Yang seine Zuflucht nahm, als er Lösungen der europäischen Staatsschuldenkrise zu skizzieren versuchte, insofern sich die zentralen Kategorien Gleichheit und Effizienz, Lastenverteilung und Anreiz nämlich genau so zueinander verhielten: nicht ausschließend, sondern ergänzend.

          Doch auch sonst mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich in der kulturellen Selbstdarstellung des Kapitalismus insgesamt etwas verschiebt, und vor allem in der Art und Weise, wie er sich selbst von innen her am Laufen hält.

          Die Banker und der Zen-Mönch

          In Washington erregten dreihundert Banker Aufsehen, als sie zusammen mit dem Präsidenten der Weltbank, Jim Yong Kim, dem Zen-Mönch Thich Nhat Hanh und zwanzig seiner in braune Roben gekleideten Mitbrüdern eine „Gehmeditation“ mitten in Downtown veranstalteten und dabei das Hupen nicht einbezogener ärgerlicher Autofahrer tapfer ignorierten. Beim World Economic Forum in Davos, bei dem jedes Jahr die mächtigsten Politiker und Wirtschaftsführer der Welt zusammenkommen, stand morgens um acht eine gut besuchte Achtsamkeitsmeditation auf dem Programm, die der amerikanische Meditationslehrer Jon Kabat-Zinn leitete.

          Einige der Teilnehmer wurden zwar dabei beobachtet, wie sie zwischendurch ihre Emails checkten, doch beim ebenfalls in Davos stattfindenden Podium zum Thema „Leading Mindfully“ betonte der Goldmann Sachs-Vorstand William George, mittlerweile meditierten Hunderte von Investmentbankern an der Wall Street regelmäßig. Auch die Deutsche Bank und die EZB selbst soll mit Meditationsgruppen experimentieren, und die Harvard Business School bietet Kurse für „Mindful Leadership“ an.

          Der Neubau der Europäischen Zentralbank am Frankfurter Osthafen

          Was bedeutet das? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kapitalismus und Buddhismus? Es ist auffallend, das es ausgerechnet die derzeit avanciertesten, gesellschaftlich prägendsten Sektoren der Wirtschaft sind, die am meisten spirituelle Praktiken des Ostens übernehmen: Das sind neben dem Finanzbereich vor allem die digitalen Bewusstseinsindustrien von Silicon Valley. Bei Ebay wurden schon mit Kissen und Blumen ausgestattete Meditationsräume eingerichtet. Facebook führte „Compassion research days“ ein, in deren Folge den Nutzern durch sorgfältig entwickelte Emoticons mehr Empathie entgegengebracht wird.

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