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Der Erfolg der Grünen : Im Jenseits

Robert Habeck und Anton Hofreiter feiern nach der Bayern-Wahl am 14. Oktober den Erfolg ihrer Partei. Bild: AFP

Was ist die Ursache für den Erfolg der Grünen? Sind es womöglich die Grünen selbst? Ein Blick in das neue Buch „Wer wir sein könnten“ ihres Vorsitzenden Robert Habeck.

          5 Min.

          Unter den vielen Gründen, die Grünen nicht zu wählen, waren Stil und Haltung, ja sämtliche ästhetischen Ausdrucksformen der Partei fast immer die entscheidenden.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es konnte ein junger Erwachsener im Herbst 1983 noch so heftig gegen die Atomkraft sein, für den Frieden sowieso und gegen die umfassende und nicht mehr rückgängig zu machende Plünderung der natürlichen Ressourcen: Das Erscheinen der Grünen im Bundestag löste trotzdem das pure Entsetzen aus. Wie sie da saßen im Plenarsaal, wie sie strickten und wie sie sprachen, wie sie die langen Haare, die ungestutzten Bärte, die nichtbemalten Lippen und krawattenfreien Hälse zeigten: Da sah das alles so aus, als ob die Siebziger, dieses gerade erst überwundene Schreckensjahrzehnt mit seinen Hippies, seinen Landkommunen, seiner ganzen spießigen Subkultur, noch immer nicht vergangen seien.

          Oder schon wieder zurück. Natur schön und gut, dachte man sich da, aber wenn dieser Naturbegriff darauf hinausläuft, dass auch Haare, Bärte und Benehmen zurück zum vermeintlichen Naturzustand regredieren, dann sind die Grünen keine Option für jemanden, der sich lieber rasiert, womöglich auf den ersten Commodore-Computer spart und sich in der Anonymität und Distanz der Großstadt freier bewegt als in der unentrinnbaren Nähe der Dörfer und Kommunen. Wer grün wählt, das war die unmissverständliche Botschaft, bekennt sich nicht nur zu politischen Zielen und einem Parteiprogramm. Er bekennt sich auch zu einem Habitus, einem Lebensentwurf, einem Milieu.

          Der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel umringt von diskussionsfreudigen Abgeordneten der Grünen am 29.03.1983 während der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestags in Bonn

          Wie langlebig diese grüne Ästhetik war, konnte man noch im Frühjahr des Jahres 2000 sehen, die Grünen waren seit eineinhalb Jahren an der Regierung, und die grünen Minister hatten ihren menschlichen Naturzustand mehr oder weniger widerwillig der Kleiderordnung des politischen Betriebs unterworfen: Da brachte die politisch wie ästhetisch sonst eher irrelevante Zeitschrift „Life & Style“ eine Fotostrecke, in welcher Gunda Röstel, damals Vorsitzende der Grünen, als Model auftrat und spielerisch die Möglichkeiten einer rot-grünen Ästhetik erkundete.

          Sie führte Kleider in allen Schattierungen von grün vor, sie hatte die Haare rostrot und die Lippen knallrot gefärbt, und offenkundig war es ihr ein Vergnügen, den Naturzustand zwar nicht zu verleugnen, aber doch über ihn hinauszuwachsen. Sie sah zu modern, zu glamourös aus für die grüne Partei – in diesen Fotos schien schon auf, was Gunda Röstel wenig später auch schriftlich erklärte: dass sie nicht mehr kandidieren würde für den Vorsitz der Partei. Was naturgemäß für jeden, der sich mit dem eigenen Naturzustand nicht ganz zufriedengeben wollte, noch immer ein Argument war, sich von der grünen Partei auch weiterhin nicht repräsentiert zu sehen.

          K-Gruppen-hafte Besserwisserei

          Man ist versucht, das alles nur als Frühgeschichte einzusortieren, als die Vorgeschichte einer Gegenwart, die in den späten nuller, frühen zehner Jahren begonnen haben muss, als man sich gewöhnte an grüne Bürgermeister, einen grünen Ministerpräsidenten, an die aufgekratzte Bravheit von Cem Özdemir, den strengen Protestantinnenschick von Katrin Göring-Eckardt, die grandseigneurhafte Altersmilde von Jürgen Trittin – als man also den Eindruck bekommen konnte, dass die Grünen einerseits und andererseits jene Leute, die, trotz großer Sympathien für eine ökologische und emanzipatorische Politik, mit der Bioladenbasis lieber nichts zu tun haben wollten, sich so weit aufeinander zubewegt hätten, dass ein Gespräch endlich hätte beginnen können.

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