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Der Erfolg der Grünen : Im Jenseits

Umkehr war eine wichtige Kategorie

Aber welcher Politiker, in Mephistos Namen, hätte sich denn, seit Thilo Sarrazin nicht mal die 138 Zeichen von „Wanderers Nachtlied“ vollständig aufsagen konnte, getraut, von deutscher Literaturgeschichte auf deutsche Gegenwart zu schließen? Und wie wichtig ist es überhaupt, dass man jedem von Habecks Argumenten zustimmt – wo es doch vor allem darum geht, miteinander ins Gespräch zu kommen? Oder ein Gespräch zu sein.

Das bürgerliche Publikum hat sich, seit die AfD auf ihre prollige Art das Establishment für seine pure Existenz und die Eliten wegen ihrer vermeintlichen Abgehobenheit so radikal angreift und beschimpft, ja angewöhnt, die Immanenz des politischen Denkens, die Floskelhaftigkeit und Borniertheit der politischen Sprache gegen die Populisten zu verteidigen: als notwendiges Übel im Prozess demokratischer Kompromiss- und Konsensbildung. Habeck, dessen Sprache die politische Sphäre von außen betrachten kann, erinnert dieses Publikum wieder daran, wie groß noch vor ein paar Jahren die Sehnsucht danach war, dass deutsche Politiker sich ein Außen, ein Jenseits der Politik überhaupt nur vorstellen könnten. Und dass sie dann das Fenster öffneten, durch welches frische Luft hereinkäme. Oder unverbrauchte Begriffe. Und neue Gedanken.

Die Grünen sind in der Gegenwart angekommen: Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg und Wissenschaftssenatorin

Es kann schon sein, dass Habecks Blick von außen ins Verhältnis gesetzt werden muss zur AfD, die das Fenster einfach eingeworfen hat. Wie es überhaupt ziemlich wahrscheinlich ist, dass, so zynisch es klingen mag, die AfD und die sogenannte Neue Rechte mit zum Besten gehören, was dem grünen Denken passieren konnte. Während die klassische Linke es immer noch nicht wirklich fassen kann, wie einfach es den Rechten fiel, sämtliche linken Strategien der Subversion sich anzueignen und gegen die Linke zu wenden, sollten sich die Grünen bedanken für alles, was ihnen die Rechten weggenommen haben.

Nie wieder Entfremdung und Zersplitterung

Die meiste Zeit nämlich, ja eigentlich bis vor kurzem, war Umkehr eine wichtige Kategorie. Zurück zeigten viele grüne Wegweiser an, zurück zur Natur, zu den Ursprüngen, den Wurzeln, zurück zu kleinen Einheiten, überschaubaren Verhältnissen, vermeintlich menschlichem Maß.

Diese Richtung ist jetzt von den Rechten versperrt. Zurück geht es mit der AfD, zurück zu wahrem Deutschtum, geordneten Familienverhältnissen, unhinterfragbaren Autoritäten. Zurück in eine Vergangenheit also, die es nie gegeben hat. Zurück zu einem Naturbegriff, der die Nationen zu den Biotopen zählt und das deutsche Volk zu den gefährdeten Arten.

Robert Habeck sagt es nicht explizit, aber sein Buch suggeriert, dass er begriffen hat, was für ein Segen das für die Grünen ist: Nie wieder das Jenseits des Guten im Vergangenen und Verlorenen suchen. Nie wieder Entfremdung und Zersplitterung, Spezialisierung und Digitalisierung bejammern, nie wieder in der idealisierten Landkommune das Modell für eine bessere Gesellschaft sehen.

Die Landkommune wählt jetzt rechts. Und die Grünen sind in der Gegenwart angekommen. Das ist der Grund für ihren Erfolg.

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