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: Der Dichter Liao Yiwu zu Gast in Berlin

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Der Mann trägt ein hellbraunes langes Leinenhemd mit Schlaufenverschlüssen und eine cremefarbene Hose. Sein glattrasierter Kopf ist unbedeckt, sein rundes Gesicht strahlt eine Heiterkeit aus, die man von hundertjährigen Mönchen oder tausendjährigen Buddhastatuen kennt.

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          Der Mann trägt ein hellbraunes langes Leinenhemd mit Schlaufenverschlüssen und eine cremefarbene Hose. Sein glattrasierter Kopf ist unbedeckt, sein rundes Gesicht strahlt eine Heiterkeit aus, die man von hundertjährigen Mönchen oder tausendjährigen Buddhastatuen kennt. In seiner rechten Hand hält er einen Metallstab, den er mit kleinen Bewegungen über den Rand einer Messingschale in seiner Linken kreisen lässt, bis eine Folge von hohen, kratzenden Tönen entsteht. Es klingt, als sänge eine Straßenbahn; dann kommt die Stimme des Mannes dazu, ein Klagegeheul, das aus den Tiefen der Erde steigt, in den Saal überfließt, innehält und elegisch in sich zusammensinkt. Dann kehrt der Musiker, der zugleich der Autor dieses Nachmittags ist, vom Stehpult zu seinem Platz auf dem Podium zurück. Ein Schauspieler liest zwei seiner Gedichte vor; das erste trägt den Titel "Liebeslieder aus dem Gulag". Das Sternenzelt, heißt es darin, sei "eine Schädeldecke mit Einschusslöchern" und Gott ein "taubstummer Drecksack". Das zweite Gedicht stellt fest: "Ein Spucknapf ist die Welt, bodenlos". Der heitere Mann auf der Bühne lauscht der Übersetzung, ohne eine Miene zu verziehen.

          Der Mann ist der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, und dies ist sein erster internationaler Auftritt. Seit zehn Jahren hat Liao vergeblich versucht, aus seiner Heimat ins Ausland zu fliegen. Im vergangenen Jahr wollte er zur Frankfurter Buchmesse kommen, um seine Interviewsammlung "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" vorzustellen, aber obwohl er bereits einen Reisepass besaß, wurde er am Flughafen zurückgewiesen. Im März dieses Jahres sollte er zur Lit.Cologne nach Köln reisen, aber wieder verweigerten ihm die Behörden die Ausreise. Liao schrieb einen offenen Brief an Angela Merkel (F.A.Z. vom 3. März) und legte die Raubkopie eines deutschen Spielfilms bei: "Das Leben der Anderen". In China ist das Melodram über die DDR ein Kultfilm, es gilt als Schlüsselwerk über die heutige Lage des Landes.

          Jetzt ist Liao in Berlin. Letzten Mittwoch durfte er überraschend zum hiesigen Literaturfestival ausreisen, wo er ein sechswöchiges Autorenstipendium in einem Wilmersdorfer Hotel antritt. Danach, sagt er, wolle er auf jeden Fall nach China zurückkehren, in Deutschland könnte er nur als Arbeitsloser bleiben. In seiner Heimat schlägt sich Liao als Straßenmusiker durch, seit er wegen eines Gedichts über das Massaker auf dem Tiananmen-Platz zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und auf die schwarze Liste der Zensur gelangte. Seine Bücher, darunter Porträts von Regimegegnern und ein Bericht über das Erdbeben von Sichuan vor zwei Jahren, werden nicht gedruckt. Liao aber, der seine Ausreiseerlaubnis als Gnade des Schicksals versteht, kann selbst seiner Haft Positives abgewinnen. Durch sie, sagt er, sei er ein anderer Schriftsteller geworden, ein Erzähler jener Geschichten, die sonst niemand aufzeichne, Lebensläufe von Prostituierten, Toilettenfrauen, Wandermusikern und anderen Verlierern, wie sie "Fräulein Hallo" versammelt.

          Dann, noch vor der Lesung aus seinem Buch, geht der Mann ein zweites Mal zum Mikrofon und bläst auf einer Dongxiao, einer Bambusflöte, betörende fünf Minuten lang. Das Flötenspiel, sagt Liao, habe er von einem alten Mönch im Gefängnis gelernt. Es verbinde ihn mit den Seelen der Toten - und mit allen, die er auf seinem Weg getroffen hat. ANDREAS KILB

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