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Stellungnahme des Ethikrates : Herz, Leber, Nieren

  • -Aktualisiert am

Die Voraussetzungen für Organspenden sollte nicht von einigen wenigen Fachleuten bestimmt werden Bild: dpa

Es wird immer schwieriger, eine medizinische Grenze zwischen Leben und Tod zu ziehen. Der Deutsche Ethikrat hat jetzt versucht, klärende Worte zu Hirntod und Organspende zu sprechen – und ist sich selbst uneins.

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          Der Zweifel am Hirntod bleibt virulent. Im Transplantationsgesetz von 1997 delegierte der Gesetzgeber die Frage, wann ein Mensch tot ist, an die Bundesärztekammer. Der Tod eine exklusive Angelegenheit weniger Fachleute? Das lässt der Deutsche Ethikrat in seiner aktuellen Stellungnahme „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“ nicht durchgehen. Todesverständnis und Todeskriterien seien normative Zuschreibungen. Sie gehen alle an, so heißt es, müssen breit debattiert werden.

          Das Dokument durchdringt seinen Stoff auf hohem analytischem Niveau und schlägt einen weiten Bogen von anthropologischen bis hin zu verfassungsrechtlichen Aspekten. Es braucht den Vergleich mit weithin beachteten Äußerungen etwa des amerikanischen „President’s Council on Bioethics“ zum Thema nicht zu scheuen. Nur durch transparente Aufbereitung der Debatte lasse sich der durch Abschottungs- und Verleugnungsstrategien selbstverschuldeten Vertrauenskrise der Transplantationsmedizin entgegenwirken, erklärt der federführende Sprecher, der Kölner Verfassungsrechtler Wolfram Höfling.

          Ein unentschiedenes Dilemma

          Eine Mehrheit des Rates möchte den Hirntod, den vollständigen und irreversiblen Ausfall der Funktionen des Groß-, Klein- und Stammhirns, dem Tod des Menschen gleichgesetzt wissen. Dies folgt der Logik des Transplantationsgesetzes. Der Hirntod signalisiere einen Endpunkt, den Zerfall der Selbststeuerung des Organismus, obgleich der Augenschein dagegenspricht, solange Atmung und Kreislauf mit maschineller Unterstützung aufrechterhalten werden.

          Dem stehen Erläuterungen einer Minderheit des Rates gegenüber, die das Kriterium Hirntod aus systembiologischen Gründen ablehnt. Verwiesen wird auf fortbestehende physiologische Prozesse bei Hirntoten, die auf Integration des Organismus auch ohne funktionierendes Gehirn schließen lassen. Dazu zählen Wachstum, Verdauung, Wundheilung oder die Geburt gesunder Kinder bei hirntoten Schwangeren.

          Doch wollen die Vertreter der Minderheit ihre Erklärung nicht als Argument gegen die Transplantationsmedizin verstanden wissen. Auch wenn Hirntote leben, so wird erklärt, dürfe man Organe entnehmen. Man müsse lediglich die Regel aufgeben, die besagt, dass man nur toten Spendern Organe entnehmen darf. Hirntote Patienten befänden sich in einem früheren Zeiten unbekannten, doch durch die moderne Medizin hervorgebrachten dritten Zustand – zwischen Tod und Leben. Zudem wären sie ohne Intensivmedizin längst verstorben. Mithin sei der Akt des Tötens bei der Entnahme von Herz, Leber und Nieren weder moralisch noch verfassungsrechtlich verwerflich.

          Der Mediziner in der Grauzone

          Ein starkes Stück, halten die mehrheitlichen Verfechter des Hirntods dagegen. Sie wollen an der Dead-Donor-Rule festhalten. Es sei ein Widerspruch, die Fülle der Leistungen des Organismus als Lebenszeichen ins Feld zu führen, dann aber dieses Leben ohne moralische Skrupel der Tötung zu überlassen. Nicht ein Mitglied unter denjenigen, die Hirntote für Lebende halten, kommt zum naheliegenden Schluss, dass man dann eben keine Organe entnehmen dürfe. Zu Recht hält die Mehrheit fest, dass es gegen die ärztliche Ethik verstoße, sollte den Medizinern eine Tötung zugeschrieben, will sagen: zugemutet werden.

          Der Organspendeausweis gibt Aufschluss darüber, ob der Inhaber einer Spende zustimmt. Wer eine Spende ablehnt, kann das durch den Ausweis ausdrücken.

          Vielleicht erklärt das eine Leerstelle im Dokument. Alle Ärzte sind verpflichtet, bei der Transplantation mitzuwirken. Potentielle Organspender sind zu melden, Angehörige auf die Möglichkeit der Spende hinzuweisen. Doch wird man Ärzten einen Gewissensvorbehalt einräumen müssen, die Hirntote nicht für tot halten und um einer Organspende willen nicht töten wollen.

          Kein Drängen, aber aufklärende Beratung

          Eine Stellungnahme zum Gewissensvorbehalt vermisst man umso mehr, da der Aufklärung von Öffentlichkeit und Angehörigen potentieller Spender ein lesenswertes Kapitel gewidmet ist. Der Rat unterzieht die Informationskampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Krankenkassen einer eingehenden Prüfung und erkennt erheblichen Nachbesserungsbedarf. Beim Umgang mit Angehörigen, die über eine Organspende zu entscheiden berufen sind, wird eine nichtdirektive, im Ergebnis offene Gesprächsführung empfohlen. Keiner dürfe zur Organspende gedrängt werden.

          Es ist zudem verdienstvoll, dass der Ethikrat auf einen bislang weitgehend unbeachteten Aspekt hinweist. Im Transplantationsgesetz ist vorgesehen, die Behandlung des Spenders bis zur Feststellung des Hirntods zu trennen von jener intensivmedizinischen Therapie danach, welche dem Organerhalt dient. Diese Trennung ist angesichts des Fortschrittes der Transplantationsmedizin illusionär. Auch wenn drei Mitglieder im Rat dies in einem Sondervotum bestreiten, so werden heute vielfach organprotektive Maßnahmen zur Verbesserung des Transplantationserfolges lange vor der Hirntoddiagnose eingeleitet. Sie sind den Spendern nicht dienlich, verlängern womöglich den Sterbeprozess. Darüber seien die Bürger aufzuklären, fordert der Ethikrat zu Recht.

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