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Der Comic-Riese : Art Spiegelman im Spiegel seiner selbst

Nachdem Spiegelman 1990 den Sonderpreis des Erlanger Comicsalons erhalten hatte, zeichnete er sucg selbst vor seinen deutschen Zuhörern Bild: Art Spiegelman

Niemand hat so viel für den Comic geleistet wie er: Retrospektiven in Paris und Köln warten auf den Zeichner Art Spiegelman. 2012 soll endlich sein Befreiungsjahr werden.

          6 Min.

          Es wird sein europäisches Jahr. Selbst vor zwanzig Jahren, als „Maus“ endlich abgeschlossen vorlag - der Comic also, der Art Spiegelman weltweit berühmt gemacht, den Pulitzerpreis eingebracht und zum bedeutendsten Erzähler seines Metiers gemacht hat -, war der Wirbel um den New Yorker Comiczeichner auf dem Alten Kontinent nicht größer, als er es 2012 sein wird. Kurz vor Silvester antwortete Spiegelman auf die Frage dieser Zeitung, wie es ihm gehe: „Ich fühle mich, als wäre ich gestorben und als mein eigener Nachlassverwalter wiedergeboren worden.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Mindestens drei Ausstellungen werden 2012 in Europa sein Werk präsentieren, und zwei davon werden von Museen veranstaltet, die zu den namhaftesten überhaupt zählen. Vom 21. März an zeigt das Centre Pompidou in Paris Art Spiegelmans Schaffen, im September wird das Museum Ludwig in Köln nachziehen. Konzipiert hat Spiegelman diese Ausstellung namens „Co-Mix“ aber für die französische Stadt Angoulême, in der von morgen an der erste Höhepunkt seines europäischen Jahres stattfinden wird: Spiegelman präsidiert beim dortigen Comicfestival, der größten europäischen Veranstaltung dieser Art. Nach Will Eisner und Robert Crumb ist er der dritte Amerikaner und überhaupt erst der fünfte nichtfranzösischsprachige Künstler, dem diese Ehre seit 1974 widerfährt.

          In Frankreich sind Comics eine Staatsaffäre

          Das alles ist die Folge von „Maus“, jenem Meisterwerk des Comics - Spiegelman lehnt die Rede von einer „Graphic Novel“ ab -, das vom Überleben Vladek Spiegelmans erzählt, von dem Vater des Zeichners, der als polnischer Jude nach Auschwitz deportiert wurde und seinem Sohn davon erzählt hat. „Maus“ erzählt aber auch von dem schwierigen Verhältnis zwischen Vater und Sohn, denn wie Spiegelman heute sagt, hätte er lieber die Geschichte seiner Mutter aufgezeichnet. Doch sie, auch Überlebende von Auschwitz, nahm sich 1968 das Leben. Art Spiegelman, ihr zweites Kind (sein älterer Bruder Ryzio, 1937 geboren, starb 1943 im Getto), war da zwanzig Jahre alt. Wer eine solche Geschichte zu erzählen hat, der verdient Aufmerksamkeit; wer es zudem mittels eines Comics zu tun versteht, der verschiebt narrative Grenzen.

          Art Spiegelman in seinem New Yorker Atelier Bilderstrecke

          Das hat Spiegelman getan, und das hat ihm zu Recht den Ruf des wichtigsten lebenden Comic-Künstlers eingebracht. Präsident des diesjährigen Festivals von Angoulême ist er durch die Auszeichnung mit dem Großen Preis der Stadt geworden. Dessen Träger genießt das Privileg, eine Werkschau im Bâtiment Castro, dem 1985 errichteten spektakulären Sitz der Cité internationale de la bande dessinée et de l’image, also dem internationalen Comic- und Illustrationszentrum, das in Angoulême residiert, ausgerichtet zu bekommen. In Frankreich sind Comics eine Staatsaffäre; nirgendwo sonst auf der Welt, außer in Japan, genießen sie ein solches kulturelles Ansehen.

          Ein Standardwerk nicht nur zu Spiegelman

          Wobei Spiegelman das Privileg dieser Ausstellung eher als eine Last empfand, denn es obliegt dem Preisträger, die Arbeiten dafür auszuwählen - was in seinem Fall auch gar nicht anders gegangen wäre, weil Spiegelman seit dem Erfolg von „Maus“ keine Originale mehr aus der Hand gegeben hat. Eine Ausstellung zu seinem Werk kann somit nur aus dem riesigen Bestand bestückt werden, den das Atelier im New Yorker Stadtteil SoHo bereithält, und wer jemals dort war, kann ermessen, was für eine Mühe es bedeutet, aus den überquellenden Schubladen, Regalen und Schränken das herauszuziehen, was gesucht wird. Spiegelman selbst fehlt der Überblick dazu.

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