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Hannes Hintermeier (hhm)

Schrumpfender Buchmarkt : Neues Denken

Ikea: Letzte Bastion der Hoffnung. Bild: Picture-Alliance

Am Sorgenkind Buchhandel scheiden sich die Geister. Die einen setzen auf emotionale Leseerfahrungen, was immer das ist, die anderen auf die Mühsal der Prozessoptimierung.

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          Wenn geistige Blockaden einsetzen, soll es Vorgesetzte geben, die ihre Mannschaft zum „neuen Denken“ auffordern. Und weil die Digitalisierung allen Branchen Tag und Nacht Anlässe beschert, das Geschäftsmodell anzupassen, um am Ball zu bleiben, wird seit der Einführung des Internets ziemlich viel neu gedacht. Auch in der Buchbranche, selbst wenn diese Beharrungskräfte kennt, die am Buch als einem vollreifen Produkt keine Verbesserungsmöglichkeiten mehr sehen. Tatsächlich verzeiht es ein Buch eher, wenn es dem Einschlafenden entgleitend zu Boden fällt, als das ein Tolino oder ein Kindle tut.

          Neuerdings scheint aber ein neuer Realismus einzukehren, der den rituellen Durchhalteparolen, wie sie der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, lange Zeit glaubte verkünden zu müssen, entgegensteht. Diese Woche haben sich gleich zwei hochrangige Buchindustrielle zu Wort gemeldet. Frank Sambeth, Vorstandsvorsitzender der Verlagsgruppe Random House, verriet dem Branchenmagazin „Buchreport“, wie er „das Positive der Leseerfahrung“ wieder „nach vorn stellen“ will. Unter anderem im Buchhandel nicht durch reine Verfügbarkeit, sondern durch „Emotion, Orientierung, Beratung“.

          „Da wird nichts besser“

          Hat Sambeth das eherne Gesetz der Gutenberg-Galaxis verdrängt, dass sich Verleger ungern von Druckern und Buchhändler ungern von Verlegern beraten lassen? Darauf wies im „Börsenblatt“ Manuel Herder hin, und berichtete seinerseits von „neuem Denken“. Er ist nicht nur der Chef des gleichnamigen, seit zweihundert Jahren von seiner Familie geführten Verlags, sondern seit zwei Jahren auch Mitinhaber der größten stationären Buchhandelskette des Landes, Thalia. Wenn Herder auf die Frage, wie man die Verluste der vergangenen Jahre – sechs Millionen Buchkäufer sind dem Markt verlorengegangen – wettmachen soll, antwortet: „Da wird nichts besser“, hat diese Aussage Gewicht. Demographische Entwicklung und veränderte Mediennutzung seien dafür verantwortlich, der Markt werde dauerhaft schrumpfen.

          Als Vergleich bemühte Herder ein Beispiel aus der Herrenmode. Er selbst gehe neuerdings – wie Frank Sambeth, Thomas Rabe, Joe Kaeser, Dieter Zetsche und Sebastian Kurz – ohne Krawatte einher. Das Verschwinden dieses Kleidungsstücks sei ein Indiz dafür, wie sich das Leben eben ändere. Weshalb er auch nicht an einen „lucky punch“, einen rettenden Anschub, für die Buchbranche glaube. Es helfe nur „die mühsame Arbeit an der Prozessoptimierung, der Digitalisierung, des Marketings und der Ladenpreisentwicklung“. Und wo bleibt dann bitte das „neue Denken“? Das müsse der Nachwuchs in den Online-Abteilungen leisten, allesamt Nutzer von sozialen Medien. Wie lange es die Älteren mit herkömmlichem Denken und, ab und an, mit Krawatten versuchen können, ließ Herder offen.

          Hannes Hintermeier
          (hhm), Feuilleton

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