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Andreas Rossmann (aro.)

Buchhandlung am Kölner Bahnhof : Kein Halt für Bücher

Reisender, kommst du nach Köln: Die Buchhandlung Ludwig gibt es im Hauptbahnhof bald nicht mehr. Bild: dpa

Bahnhöfe verändern sich, auch weil die Terrorgefahr wächst. In Köln muss nun die Buchhandlung Ludwig aus dem Bahnhof weichen. Die Polizei braucht mehr Platz.

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          Bahnhöfe, das waren einmal Sehnsuchtsorte, Bühnen, auf denen Tränen, des Abschiedsschmerzes und der Wiedersehensfreude, verdrückt wurden, früher, als die meisten Fernreisen noch hier begannen. Längst aber sind sie in den großen Städten zu Shopping Malls mit Gleisanschluss umgebaut worden, der Fahrkartenschalter ist da nur noch ein Marktstand unter vielen und nicht immer leicht zu finden, seit sich der Ticketverkauf weitgehend ins Netz verlagert hat.

          Aber auch das Bild des glitzernden Konsumtempels strahlt nicht mehr ganz so hell, sondern hat Eintrübungen erfahren und Risse bekommen. Denn Bahnhöfe sind Ziele von Terror und Gewalt geworden und damit Hochsicherheitsorte, in denen die Videoüberwachung jeden Schritt beobachtet und Polizisten mit Hunden und demnächst mit der Bodycam patrouillieren.

          Die Gefahrenlage verändert den Bahnhof

          Die verschärfte Gefahrenlage beginnt die Bahnhöfe zu verändern, in ihrer Funktion und in ihrem Erscheinungsbild, wie sich kurz vor Silvester in Köln abzeichnet. Dort wurde der Buchhandlung Ludwig der Mietvertrag gekündigt, Ende 2019 muss sie den rund siebenhundert Quadratmeter großen zweistöckigen Laden in der B-Passage, wo sie seit 1999 ein breites, anspruchsvolles Sortiment vorhält, räumen, „um Wünschen der Bundespolizei nachzukommen“. Der ist das Ladenlokal, das sie in der Nachbarschaft angemietet hat, zu klein und zu eng geworden, so dass sie zum Jahreswechsel drei Bürocontainer auf dem Vorplatz aufstellen wird.

          Der Name Ludwig hat im Kölner Hauptbahnhof einen ähnlich guten Klang wie im Kulturleben der Stadt, denn nicht Peter, sondern Gerhard Ludwig (1909 bis 1994) hat hier, angeregt von seinem Freund, dem Verleger Ernst Rowohlt, 1948 die erste Bahnhofsbuchhandlung in „Trizonesien“ und 1957 den ersten Taschenbuchladen eröffnet. Die „Mittwochsgespräche“, die er 1950 im Wartesaal Dritter Klasse ins Leben rief und bis zum Neubau 1956, der dafür keinen Platz vorsah, veranstaltete, wurden zum Treffpunkt der jungen Demokratie, wo unter dem Motto „Freier Eintritt, freie Fragen, freie Antworten“ die streitbarsten Köpfe, von Rudolf Augstein bis Peter von Zahn, intellektuelle Debatten führten.

          Als sich Ludwig 1988 zurückzog und an die Stuttgarter Unternehmensgruppe Dr. Eckert verkaufte, hat die den Namen beibehalten, heute tragen ihn vierzehn Bahnhofsbuchhandlungen zwischen Frankfurt/Oder und Saarbrücken. Auch in Köln möchte die Firma, die hier noch drei andere Geschäfte, darunter den Zeitungsladen in der A-Passage, hat, präsent bleiben; schon im Januar will sie mit der Bahn darüber Gespräche führen. Eine ähnliche Spitzenlage aber dürfte nicht mehr zu haben sein, Sicherheit geht vor. So baut die Gefahrenabwehr am Umbau des Hauptbahnhofs mit, und der „Rangierbahnhof des Geistes“, als der er noch für Ludwigs „Mittwochsgespräche“ apostrophiert wurde, erscheint als ferne Erinnerung aus einer anderen Zeit.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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