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Arendt-Sternberger-Briefe : Streit stärkt die Freundschaft

  • -Aktualisiert am

Hannah Arendt in Hamburg, 1959 Bild: Picture-Alliance

Wie verhält man sich zum Traditionsbruch durch den Nationalsozialismus? Unter dem Titel „Ich bin Dir halt ein bißchen zu revolutionär“ erscheint jetzt der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger.

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          Hannah Arendt ist ein Weltstar, deshalb sieht man sie auf dem Cover des Briefwechsels mit Dolf Sternberger. Ihr Werk ist die zentrale Bezugsgröße in den Debatten um Gerechtigkeit, Menschenrechte und um die Frage, ob es eines globalen Umsturzes bedarf, um die Spezies Mensch vor sich selbst zu retten. Daher das geschickt gewählte Zitat im Titel des Bandes: „Ich bin Dir halt ein bißchen zu revolutionär.“

          Und Sternberger? Der 1907 Geborene und 1989 Verstorbene war der führende Kopf solch bedeutender Nachkriegszeitschriften wie der „Wandlung“ und der „Gegenwart“, dann Ordinarius für politische Wissenschaften in Heidelberg, zugleich über Jahrzehnte in führenden Ämtern zahlreicher wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen. Zuvor war er ab 1934 erst Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ bis zu deren Zwangsschließung durch Goebbels 1943, um dann in den sechziger und siebziger Jahren ein wichtiger Berater dieser Zeitung zu werden. Nach und nach wurde Sternberger so der Mann fürs Repräsentative in der Bundesrepublik.

          Als Essayist war Sternberger ein Solitär, und seine Wissenschaftsprosa wollte an ihrer literarischen Qualität erkannt werden. Beides lässt sich in zahlreichen Büchern nachprüfen – wenn man sie im Antiquariat findet. Jetzt ist Sternberger dank Arendt zurück auf der Bühne. Und das mit einem beeindruckenden Auftritt. In den von dem Hamburger Wagnerforscher Udo Bermbach herausgegebenen Briefen, überliefert sind sie von 1946 bis zu Arendts Todesjahr 1975, lernt man vor allem Sternberger besser kennen.

          Beide lernen voneinander

          Doch Sternberger hat noch eine andere Geschichte, eine, die das gerade Erzählte ins rechte Licht rückt und die die Wiederbegegnung mit der 1933 aus Berlin geflohenen deutschen Jüdin Arendt nach dem Krieg erst möglich machte. Als sich Arendt und Sternberger 1927 in Heidelberg bei dem gemeinsamen Lehrer Karl Jaspers kennenlernten, war sie in Augustinus vertieft und er bereits ein geistreicher Autor. Als sie sich beide wenige Jahre später nach Frankfurt bewegten, war Arendt promoviert und mit Günther Stern/Anders verheiratet. Sternberger hatte zuvor „die Blankenstein“ geehelicht, wie sie genannt wurde, mit Arendt als Trauzeugin. Ilse Rothschild, 1900 in Frankfurt in die prominente Bankiersfamilie geboren, war eine Erscheinung, die das gebildete Heidelberg faszinierte. Sie gehörte aber nicht zuletzt zu den feinsinnigsten Kunstkritikerinnen ihrer Zeit, wie zahlreiche Artikel in der „Frankfurter Zeitung“ belegen.

          1933 ändert sich dann alles. Der Freundeskreis wird getrennt. Arendt entkommt im letzten Moment im Mai 1941 mit ihrem zweiten Mann Heinrich Blücher in die Vereinigten Staaten, Sternberger führt mit seiner Frau zunächst eine sogenannte „privilegierte Mischehe“, bis der Deportationsbefehl dank einer undichten Stelle durchsickert. Ilse Sternberger überlebt in einem Versteck bei Freunden, während ihre Eltern 1944 hochbetagt in Auschwitz ermordet werden. Danach wird Ilse Sternberger in der Öffentlichkeit verstummen, ihr Mann tritt nach vorn, nicht zuletzt, um sie zu schützen.

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