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„Der Brief“ im Frankfurter Goethe-Museum : Das Einzige, was die ewige Ferne bezwingt

Nachrichten aus der Stube des Genies: Goethes Schreiben an Auguste Gräfin zu Stolberg aus dem Jahr 1775. Bild: Freies Deutsches Hochstift

Von Goethe über Nietzsche bis Benn und Doderer: Eine Frankfurter Ausstellung beschäftigt sich im Zeitalter der elektronischen Post mit Ritualen einer Kulturtechnik, die uns immer historischer anmutet.

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          Man nehme: " ¼ Lb ganz zigelroth gebrannter Eisenvitriol, ¼ Lb Gallus, ½ Loth Gummi Tragant, ¼ Loth gebrannte Alaun. fein gestoßen, gesiebt und gut gemischt". Sodann: "Kalt Flußwasser aufgegossen". Wer diesem Rezept folgt, erhält "zwey Kannen" Tinte - und zwar von der Sorte, wie sie im Hause Goethe verwendet wurde. Zu kaufen gab es Tinte damals nicht, deshalb wurde überall fleißig selbst gemischt. Solche Tinte hat gegenüber der heute angebotenen den Vorzug, dass sie nachdunkelt und sehr haltbar ist. Und mehr noch: Durch die individuelle Mischung der organischen Stoffe ist im Grunde jede dieser Tinten wie ein Fingerabdruck überprüfbar: Die Röntgenfluoreszenzanalyse ist das Mittel der Wahl für Archäologen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden diese Eisengallustinten verwendet. So kommen wir heute, nach zweihundertfünfzig Jahren, in den Genuss von Briefen, die uns auch deswegen so berühren, weil die Menschheit dazu übergeht, das Briefeschreiben als Kulturtechnik aufzugeben. Gerade noch rechtzeitig womöglich, sich dem Thema zu nähern? Die Ausstellung im Freien Deutschen Hochstift jedenfalls sollte nicht versäumen, wer einen Füller bedienen kann. Nur zwei Monate dürfen die Exponate im abgedunkelten Saal das Goethehauses gezeigt werden; eine weitere Station hat "Der Brief - Ereignis und Objekt" nicht.

          Die Materialität der Briefe

          Anne Bohnenkamp-Renken, Leiterin des Goethe-Hauses, ist als Kuratorin und Mitherausgeberin (zusammen mit der Frankfurter Germanistin Waltraud Wiethölter) verantwortlich. Sie findet es "schon verblüffend, dass sich die Forschung dieses Themas bislang nicht bemächtigt" habe. Keine noch so gute Briefedition vermittle etwas über Materialität des Briefes. Manuskripte würden erforscht, Textfassungen, die oft nur für den Verleger bestimmt waren. Der Umstand, dass ein handschriftlicher Brief oder ein bemalter Künstlerbrief anders zu bewerten ist als ein Telegramm, eine Postkarte, ein Geschäftsbrief, wird ignoriert.

          Mit vielen Tinten schreibe der verehrten Frau! Heimito von Doderers Brief an Margarete Roemer aus dem Jahr 1958

          Dabei sagen schon die Auswahl des Papiers, die Farbe der Tinte, die Form der Handschrift, der Weißraum auf dem Blatt viel Inhaltliches aus. Großer Abstand zwischen der Anrede bedeutete etwa hierarchische Distanz, rücken Anrede und Textanfang zusammen, war Vertrautheit im Spiel. Kleider machen Leute, und Briefe sind wie Kleider: ein Spiegel der Seele. Johann Fürchtegott Gellert bereitet Mitte des achtzehnten Jahrhunderts dem schwülstigen Schreibstil der höfischen Gesellschaft ein Ende: Fortan darf natürlich geschrieben werden.

          Auch Goethe selbst, ein Meister des Gänsekiels, der doch die meisten seiner Briefe diktierte, bricht mit der Konvention, flüssig und mit einer Feder zu schreiben, wenn er der Gräfin Stolberg, beginnend am Donnerstag, dem 14. September 1775, bis zum darauffolgenden Dienstag ein mehrseitiges Billett schreibt, in welchem er unter anderem vom Fortgang der Arbeit am "Faust" berichtet: Er benutzt den Brief als Tagebuch. Schreibkultur galt etwas, damals. Goethes Sohn macht sich lieber gleich Linien mit Lineal, um sauber schreiben zu können.

          Ein Wiedehopf für Marianne von Willemer

          Die Ausstellung bricht die Chronologie geschickt auf. Sie umkreist das Thema in neun Stationen. Es beginnt mit dem Papier, geht über zum Schreibgerät, analysiert Handschriften, Beigaben, Versendtechniken, Bebilderung, Archivspuren und zeigt die Folgen von unsachgemäßer Lagerung. Und so kommt Goethe neben Nietzsche, Kafka und Hesse in die Vitrine - ein spannendes Beziehungsgeflecht entsteht. Zum Bleistift greift, wer schwach oder krank ist (im Bett lässt es sich mit der Feder nicht gut hantieren) oder wer mit dem Adressaten in einem intimen Verhältnis steht. Geheime Botschaften inklusive. Wieder einmal ist es der alte Schwerenöter Goethe, der seine Liebesbriefe mit Beigaben wie Handtäschchen, Gedichten, Myrte und Lorbeer anreichert. Oder mit der Zeichnung eines Wiedehopfs, der als persisches Symbol für den Liebesboten gilt. Marianne von Willemer wusste Bescheid, ihr Mann nicht.

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