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Der Maler Johann Hummel : Komm in den Spiegelsaal und schau

Im Biedermeier war er eine Koryphäe an der Berliner Kunstakademie. Dann wurde Johann Erdmann Hummel vergessen. Die Alte Nationalgalerie entdeckt ihn mit einer großen Ausstellung jetzt wieder.

          4 Min.

          Es gibt Maler, die für ihren Stil, und solche, die für ein Bild bekannt sind. Bei Jo­hann Erdmann Hummel, der 1769, im gleichen Jahr wie Napoleon, in Kassel ge­bo­ren wurde und 1852 in Berlin starb, ist es ein Bild.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Im Herbst 1831 malte Hummel die fünfundsiebzig Tonnen schwere Granitschale vor dem Königlichen Museum – dem heutigen Alten Museum – im Berliner Lustgarten. Die Schale war dort vor ihrer endgültigen Aufstellung im folgenden Jahr auf einem Gerüst aus Steinblöcken und Holzbalken aufgebockt. In Hummels Gemälde sind siebzehn Personen und ein Hund in unterschiedlichem Ab­stand um das Objekt versammelt, die sich alle auf je verschiedene Weise darin spiegeln, manche nah und auf dem Kopf stehend, andere als ferne Miniatur. Über ihnen bauschen sich ba­rocke Wolken im Berliner Himmel. Links sieht man den alten, noch un­wilhelminischen Dom, im Hintergrund das Hohenzollernschloss. Das Bild ist ein Genrestück in einem Genre, das es nicht gibt. Man könnte es eine Spiegel-Etüde nennen.

          In der Ausstellung, die die Alte Nationalgalerie dem Maler Hummel widmet, erkennt man jetzt, dass das Gemälde zu einem Zyklus gehört. Das mittlere der drei Bilder, auf dem Hummel das Wenden der mit einem Dampfschleifer po­­lier­ten Schale festhielt, ist verschollen, doch das erste, das wie das Schlussbild in doppelter Ausführung vorliegt, hat sich er­halten. Es zeigt den Schleifvorgang selbst. Auf der Version der Alten Na­tio­nal­ga­le­rie (die andere gehört dem Berliner Stadtmuseum) fehlt jede Statisterie. Dafür spiegeln sich in der Schale, die wie ein urzeitliches Monstrum auf ihrem Holzgerüst liegt, die Fenster der Werkstatt und ihre Umgebung. Man erkennt den Kupfergraben, denn wir sind auf dem Gelände des Packhofs, wo heute die James-Simon-Galerie steht. Eine preußische Idylle ohne Wenn und Aber, frühes Industriezeitalter mit Biedermeierglanz. Ein Findling von einem Gemälde.

          Blick für die Dinge am Wegrand

          Als Hummel die Schale in ihren drei Entwicklungsphasen malte, war er seit gut zwanzig Jahren Professor für Optik, Per­spek­ti­ve und Architektur an der Akademie der Künste, und er sollte es bis zu seinem Tod bleiben. Zuvor hatte er nach seinem Studium sieben Jahre in Italien gelebt, bis das Stipendium der Kasseler Kunstakademie auslief. Die Studien, die er dort von Bäumen, Felsen und antiken Ruinen fertigte, sind in Berlin ebenfalls zu sehen. Sie zeigen Hummel als Vorläufer von Corot und Blechen in der Plein-air-Malerei. Noch fehlt ihm die Spontaneität der Lichtsetzung, aber der Blick für die Dinge am Wegrand, das Schauspiel der Wirklichkeit ist schon da.

          Zurück in Hessen, malt Hummel ein Großformat von Schloss Wilhelmshöhe für seinen Landgrafen, doch der Fürst lehnt es ab. Auf Empfehlung der preußischen Gattin des Kasseler Erbprinzen geht er nach Berlin. Dort bringt er sich mit Porträtbildern aus seinem Umkreis ins Gespräch: Aloys Hirt, Archäologe und Initiator der Bauakademie; Justizrat Mila und Frau; der Kunstsammler Gustav von Ingenheim, ein illegitimer Sohn des vormaligen Königs. Nach seiner Heirat 1823 malt er seine dreißig Jahre jüngere Ehefrau, seine Tochter und einen Sohn. Sie alle erscheinen in biedermeierlichem Gepränge, und doch ist da noch etwas anderes: ein Hauch von Sachlichkeit. Die Kuratorin Birgit Verwiebe hat Hummels Porträts neben Bilder von Carlo Mense, Georg Schrimpf und Christian Schad aus den Zwanzigerjahren gehängt. So sieht man, was man sonst nur ahnt, eine innere Verwandtschaft, die sich den Kategorien der Kunstgeschichte entzieht.

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