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Kriminalität in Berlin : Die Ratten vom Alexanderplatz

Sieht so das Wohnzimmer der Gesetzlosen aus? Der Alexanderplatz in Berlin Bild: dpa

Unter der Brücke frieren Obdachlose, es gibt Haschisch und Schläge, die Flüchtlinge sind da, junge Menschen hängen ab, von Polizei bewacht. Zwei Nächte an einem „Todesort“ unter dem Fernsehturm Berlins.

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          „Haschisch und Alkohol und Mädchen“, das sagt Hadi, deswegen ist er da, der schmale Mann mit kleinen Augen, in dieser Nacht, an diesem Alexanderplatz. Er will über das Land, aus dem er kommt, nicht sprechen, deshalb Gespräche über Mädchen. „Aus Primark kommen die besten, wie Kim Kardashian“, sagt er auf Deutsch, das unentschlossen, schief seinen Mund verlässt. Hadi hat einen schwarzen Bart, der seltsam falsch sitzt im Gesicht, denn es sieht viel zu jung aus für den Bart. Er sitzt hinter dem Fernsehturm, schaut auf den Neptunbrunnen. Und neben Hadi – ich. Es ist zehn Uhr am Abend, der Himmel schwarz. Auf einmal ziehen drei Schatten auf, drei dunkle, große Männer kommen näher, und wie von selbst schiebt meine Hand sich in die Tasche, da ist das Pfefferspray.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit dieser kleinen schwarzen Dose hat auch der Tag, der Morgen begonnen. Am „Todesort“, „Gewaltplatz“, in dem „Wohnzimmer der Gesetzlosen“ – so heißt der Alexanderplatz in Zeitungen, im Internet –, und dort in einer Drogerie steht dieses Spray unscheinbar unter Batterien. Zwei Körper werden jeden Tag am Alexanderplatz verletzt, das sagt eine Statistik. „Kaufen!“, sagt deshalb der Kopf in dieser Drogerie. Doch an der Kasse kommt die Scham, die Angst, wie eine AfD-Komplizin auszusehen. „Fünf fünfundneunzig“, sagt unbeeindruckt die Kassiererin, als ob es Alltag wäre, so was zu kaufen, zu verkaufen. Danke.

          Trinken, Drogen nehmen, nach Liebe suchen oder Sex

          Zwei Stunden später, Mittag, die Sonne drückt sich an den Fernsehturm, vor ihm die jungen Menschen. Sie hängen rum, wie Wäsche, die zum Trocknen hängt. Zwei Mädchen mit Zahnspangen, mit Zigaretten bewegen sich im Wind. Sie hören Rap und rappen mit und filmen sich, wie sie Rap hören und mitrappen. Warum trefft ihr euch hier? „Weil man hier shoppen kann und Freunde treffen. Alles!“, sagt eine. Und habt ihr Angst? „Null Angst“, sagen die Zahnspangen zusammen und dann, dass man sich nur „korrekt benehmen muss“.

          Das können nicht alle. Am Alexanderplatz machen ungefähr 15 Männer immer wieder Ärger, es sind Straftäter, Flüchtlinge, das sagt eine Politikerin, die jetzt einen Jugendraum in einer Ecke hinterm Fernsehturm eröffnet. Dort sollen die friedlicheren Flüchtlinge, ungefähr 150 sind das, beschäftigt werden, damit sie nicht Verbrecher werden wie die verbrecherischen 15 und auch damit die jungen fremden Männer nicht das machen, was junge Männer – nicht nur fremde – machen: trinken, Drogen nehmen, nach Liebe suchen oder Sex.

          So wie Alaa zum Beispiel, ein Syrer, er trägt einen dünnen Bart, zwei dicke Silberketten, sitzt nachmittags auf dem Beton vorm Fernsehturm mit den Zahnspangen Nummer eins und zwei und einer, die Cheyenne heißt, das steht auf ihrer Tasche. Es dämmert, wie es im November dämmert um die Zeit. Warum der Alexanderplatz? „Schau mal“, sagt Alaa, „die Leuchten da, so schön.“ Alaa hat recht: Die Lichter ziehen sich wie Perlen zum Neptunbrunnen auf und machen aus Berliner Grau ein schönes Unberliner Grau. Doch das ist nicht der Alexanderplatz, auf Karten hat dieser Ort zwischen dem Brunnen und dem Fernsehturm keinen Namen. Die Polizei zählt ihn trotzdem zum Alexanderplatz, nennt ihn „kriminalitätsbelastet“. Da alles hier geschieht. Damals der Mord an Jonny K., und heute, morgen, gestern – immer wieder Schlägereien. Ist die Architektur mitschuldig? Die angebliche Hässlichkeit? Die Reste des kaputten Sozialismus?

          „Ich will nicht für die Mafia arbeiten“

          Wenn man Cheyenne, Alaa und den Zahnspangen zusieht, sieht man, dass Architektur echt egal ist, wenn Gewalt zu eskalieren droht. Ihnen gegenüber sitzt eine Gruppe junger Männer. „Wir wollen auch ein Joint!“, schreit eine der Zahnspangen – nicht sehr korrekt – ihnen zu. „Was willst du?“, schreit einer von der anderen Seite und steht auf. Darauf Cheyenne: „Nichts, du bist hässlich!“ Es stehen jetzt zwei andere auf. Alaa ruft etwas auf Arabisch und wirft ein „Tschschscht“ zu den Zahnspangen und Cheyenne. Und so geschieht doch nichts, und alles ist normal. Die jungen Menschen sitzen rum, weil junge Menschen es so machen. Und jeder, der das Jungsein kennt, kennt es: kein Geld für Bars, Cafés, kein Ausweis für die Clubs und keine Lust auf Eltern. Was soll man machen.

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