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Hetze gegen Javier Cercas : Katalanische Bösartigkeiten

  • -Aktualisiert am

Der spanische Autor Javier Cercas im März 2021 in Barcelona Bild: AFP

Der spanische Schriftsteller Javier Cercas ist zum Opfer einer Fake-News-Kampagne geworden. Katalanische Separatisten werfen ihm vor, er habe zu einer Militärintervention aufgerufen.

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          Der Hass, der ihm auf einmal entgegenschlägt, erinnert Javier Cercas an die Zeiten des spanischen Bürgerkriegs. „Seit vielen Jahren versuchen sie, mich einzuschüchtern, mich zum Weggehen zu bewegen oder mich zum Schweigen zu bringen. Ich werde es nicht tun. Das ist mein Zuhause“, sagte der spanische Schriftsteller, der seit Jahrzehnten in Girona in Katalonien lebt, der Zeitung „La Vanguardia“. Seit einigen Tagen steht Cercas im Mittelpunkt einer Fake-News-Kampagne: Separatisten werfen ihm vor, er habe zu einer Militärintervention in Katalonien aufgerufen.

          Als angeblicher Beleg dafür kursiert ein Ausschnitt aus einem Video. Darin hatte sich der Autor der „Soldaten von Salamis“ im September 2019 während einer Preisverleihung in Mérida als „vehementer Verfechter der Langeweile in der Politik“ geoutet. Leidenschaft und Emotionen, wie sie in den vergangenen Jahren in Katalonien gang und gäbe sind, hätten dort nichts verloren. Wenn es aber dazu komme, bleibe nichts anderes übrig, als „zu zittern oder die Nothilfeeinheit (UME) des spanischen Militärs zu rufen“, fügte er damals in dem Video ironisch hinzu – der militärische Katastrophenschutz wurde an diesem Tag für einen Hilfseinsatz in der Region ausgezeichnet.

          Dass die Nothilfeeinheit der Armee das Gegenteil einer Kampftruppe ist, spielte bald keine Rolle mehr, als sich der Videoclip im Internet rasend schnell verbreitete. Die vielen tausend „Likes“ machten deutlich, dass das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat für viele das wahre Gesicht von Cercas zeigte. Die Kampagne gegen ihn sei mit „großer Raffinesse“ organisiert und der einstigen Stasi würdig, gestand Cercas ein, der Katalanisch spricht und auf Spanisch schreibt.

          „Ich habe gesagt, dass die Erde rund ist“

          Auslöser der Welle der Empörung war ein Interview mit dem katalanischen Regionalsender TV3, eigentlich eine Hochburg der Unabhängigkeitsbefürworter. Es ging um zwei seiner Bücher: um „Independencia“ (Unabhängigkeit), den zweiten Teil seiner Krimiserie, der gerade erschienen ist, und die Theaterversion von „Anatomie des Augenblicks“ über den gescheiterten Militärputsch am 23. Februar 1981. Cercas bekräftigte in dem Gespräch, was für die meisten der 47 Millionen Spanier eine Selbstverständlichkeit ist: „Ich habe gesagt, dass die Erde rund ist. Das heißt, dass Spanien eine vollständige Demokratie ist und dass Juan Carlos I. den Putsch nicht organisiert hat.“

          Der Sturm der Entrüstung unter den Unterstützern einer katalanischen Republik setzte sofort ein. „Was macht ein Befürworter des Militäraufstandes gegen Katalonien auf TV3? Das ist keine freie Meinungsäußerung. Das ist ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das dem Faschismus eine privilegierte Stellung gibt“, schrieb auf Twitter Cristina Casol, die als Abgeordnete der separatistischen JxCat-Partei dem Regionalparlament angehört. Einer der Ersten, die den Video-Mitschnitt im Internet verbreiteten, war der katalanische Rundfunkjournalist Enric Calpena, der zugleich Professor für Kommunikationswissenschaften ist. Er verglich Cercas mit serbischen Kriegsverbrechern. „Radovan Karadić war vor dem Bosnien-Krieg ein bekannter Dichter. Nikola Koljević, der serbische Vizepräsident, war ein Spezialist für Shakespeare und gab den Befehl zur Zerstörung der Bibliothek in Sarajevo“, schrieb Calpena.

          Cercas hat inzwischen seinen Anwalt eingeschaltet. Gleichzeitig läuft eine Solidaritätskampagne an, denn der Autor ist kein Einzelfall. Die Zeitung „El País“ verwahrte sich in einem Leitartikel dagegen, wie ein Teil der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung ihre Gegner „mit Heimtücke zum Verstummen zu bringen“ versuche. Nur autoritäre Gesellschaften duldeten keine Andersdenkenden. Die Demokraten stünden dagegen an der Seite von Javier Cercas, der sich immer für ein plurales und offenes Katalonien eingesetzt habe.

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