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Toyo Ito wird achtzig : Der Sinn für rohe Dinge

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Die Energie japanischer Metropolen interpretierte er als „Netz verschiedener Ströme“ des Verkehrs: Toyo Ito Bild: AP

Wandel als einzige Konstante: Toyo Ito, einer der größten japanischen Architekten unserer Tage, übersetzt den Zeitgeist in Baukunst. Heute wird er achtzig Jahre alt.

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          Der flüssige Raum und die ephemere Existenz sind die beiden zentralen Entwurfsthemen von Toyo Ito, einem der größten japanischen Architekten unserer Zeit. Zur Schlüsselfigur der Medienarchitektur der neunziger Jahre machte Ito sein Konzept der zwei Körper: „Ebenso wie der materielle Körper des Menschen Teil des Wasserkreislaufes ist, formt den elektronischen Körper ein zweiter, weltumspannender Strom der Medien. Auch Gebäude sind Körper im Fluss und werden von Strömungen geformt“, so Itos Credo. „Internet und Mobiltelefonie haben uns radikal verändert“, befand der Architekt, „besonders junge Leute haben ihren Sinn für ,rohe‘ Dinge eingebüßt. Je stärker die Virtualisierung, desto mehr Bedarf besteht jedoch an Körperlichkeit“, meinte Ito schon vor einer Generation. Heute feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

          Am Beginn von Itos Karriere standen reduzierte Formen wie beim U-House in Tokyo von 1976. Das fensterlose Wohnhaus für seine verwitwete Schwester war völlig introvertiert und verschlossen, ein reiner Innenraum, der sich gegen die als feindlich wahrgenommene Riesenmetropole verteidigt. Erst mit seinem eigenen Haus von 1984, der sogenannten Silberhütte, entwickelte Ito seine Vorliebe für Aluminium und leichte Konstruktionen. Der Bau wurde von innen nach außen entworfen, Interieur und Stadt waren nicht mehr hermetisch voneinander getrennt, die Fassaden wurden zum Produkt der Innenräume, die Dichotomie zwischen innen und außen war aufgelöst. Die „progressive Anarchie“ japanischer Metropolen interpretierte Ito als „Netz verschiedener Ströme“ des Verkehrs und der ständigen Veränderung.

          Die Anmutung eines Landart-Kunstwerks

          Der Turm der Winde, den Ito 1986 am Hauptbahnhof von Yokohama errichten ließ, ist die überzeugendste Metapher dieses Weltbilds. Die Medienfassade des Turms reagiert auf Reize ihrer Umgebung wie Wind und Geräusche und verwandelt sie in elektronische Lichtspiele. Tausend Lämpchen und Neonringe erzeugen aus den Umwelteinflüssen immer neue Muster, eine Art bunten Sternennebel. Der Turm ist ein sensorisches Gerät, das den Charakter der Stadt wiedergibt.

          Im Gegensatz zur westlichen Kultur, in der Städte laut Ito ein Museum mit festem Bestand an Monumenten und Räumen darstellen, begriff er selbst ostasiatische Metropolen als etwas Flüchtiges, das sich auch in Strommasten, Getränke-Automaten und Leuchtreklamen artikuliert. „In einer fragmentierten ephemeren Metropole ohne Gesamtbild ist Wandel die einzige Konstante“, so Ito. Das berühmteste Werk des Pritzker-Preisträgers, die Mediathek in Sendai, wird von einem Wald aus asymmetrischen weißen Stahlbündeln getragen, die Fahrstühle, Treppen und Leseräume aufnehmen. Die expressiven Tragwerke entwickelte Ito mit dem Ingenieur Mutsuro Sasaki. Sie basieren auf Naturformen, wie sie in Bäumen, Tieren, Wellen und Höhlen oder auch wogendem Seetang vorkommen: Die Mediathek hat weder tragende Wände noch Stützen. Der Kindertagesstätte Eckenheimer Erdhügel in Frankfurt gab Ito die Anmutung eines Landart-Kunstwerks.

          An Tokios schönster Einkaufsstraße, der Omotesando-Dori, hat Ito ein Kaufhaus für italienische Lederwaren entworfen, das mit einem unregelmäßigen Netz aus Sichtbetonstreifen überzogen ist. In der Dämmerung wirkt es wie eine Laterne. Die Fassade entstand durch die Überlagerung von Bildern der Zelkova-Bäume, die den Boulevard säumen. Vom „Stamm“ verästelt sich das Tragwerk in den oberen Stockwerken wie in einer Baumkrone. Statt Räumen schuf Ito Orte, die den Zeitgeist auf höchstem Niveau in Architektur übersetzen.

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