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Der Anarchist aus Moskau : Wir sind Profis

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Boheme des Untergrunds: Oleg Worotnikow, Kopf der Künstlergruppe „Woina“, mit Familie Bild: Vladimir Telegin

Oleg Worotnikow wird per Haftbefehl gesucht. Bei der Berlin Biennale, die am 27. April beginnt, ist sein Kunstkollektiv „Woina“ als Co-Kurator präsent: Ein Gespräch über Vandalismus, Revolution und Anarchie.

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          Skype ist nicht sicher genug. Kein Telefon. Die Korrespondenz darf nur via E-Mail erfolgen. Seit Sommer 2011 liegt gegen den Russen Oleg Worotnikow, 33, ein internationaler Haftbefehl vor. Er ist Kopf der Künstlergruppe „Woina“, zu Deutsch Krieg. Und Krieg bedeutet Aktionismus, der sich mit Kunst, Gruppensex und Vandalismus gegen die russischen Autoritäten richtet. Worotnikow, ehemals Philosophiestudent, gründete 2005 sein Kollektiv und lebt seitdem im Untergrund. „Woina“ zählt jeden Teilnehmer ihrer Aktionen als Mitglied, mittlerweile sind es etwa 200. Zum Kern gehören neben Worotnikow seine Frau Natalia Sokol, die gemeinsamen Kinder Kasper und Mama, und der beste Freund Leonid Nikolajew. Artur Zmijewski, der Kurator der diesjährigen Berlin Biennale, hat „Woina“ zu assoziierten Kuratoren ernannt.

          Wegen „Rowdytums“ wird international nach Ihnen gefahndet. Sehen Sie darin eine Anerkennung Ihrer Arbeit?

          Ja, das ist die einzige adäquate Anerkennung eines politischen Künstlers. In dieser Logik ist die Ermordung des Künstlers durch die Behörden die höchste Auszeichnung seiner Arbeit. Und tatsächlich hat der Staat versucht, uns mit Hilfe der Polizei physisch zu vernichten. Aber es ist nicht so einfach, uns umzulegen. Wir sind Profis.

          Wie kann man sich einen Tag in Ihrem Leben vorstellen?

          Unsere Tage sind endlos. Sie werden bestimmt vom anstrengenden Training zur Vorbereitung zukünftiger Aktionen. Wir arbeiten 24 Stunden, 7 Tage die Woche.

          Wie gelingt es Ihnen, seit so langer Zeit auf der Flucht zu sein?

          Wir haben uns dieses Leben angeeignet und sind gut trainiert. Der Protest ist unser Schicksal. Außer „Woina“ haben wir nichts.

          Mit Benzinbomben haben Sie an Silvester einen Polizeiwagen in Brand gesetzt, der zum Transport von gefangenen Demonstranten eingesetzt werden sollte. Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Kunst und Vandalismus?

          Es gibt keinen. Heute fördern Massenunruhen die Kultur mehr als jede Biennale.

          Muss Kunst politisch sein?

          Kunst darf heute nur noch politisch sein und sonst nichts. Alles, was keine Politik ist, ist keine Kunst, sondern nur eine tote Vogelscheuche gefüllt mit Scheiße und Reflexion.

          Was sind die Ziele von „Woina“?

          Wir sind Anarchisten. Das Ziel ist die Zerstörung des Staates. Die Zerstörung dieses verrotteten Taucheranzugs, in dem sich der öffentliche Körper schon lange nicht mehr bewegen kann. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf dem Meeresgrund in einem solchen Anzug: Er ist verkeilt und verrostet, es ist Ihnen unmöglich, den eigenen Kopf zur Seite zu drehen, und bald wird der Sauerstoff in Ihrem Tank ausgehen. Das ist es, was der Staat heute ist. Den Russen passt dieser Anzug nicht mehr. Unsere Feinde sind das Regime und die russische Polizei. Diese gilt es zu vernichten. Wir wollen, dass im Kreml niemand mehr sitzt und überhaupt niemand mehr sitzen will.

          Wie finanzieren Sie Ihre Aktionen?

          Wir benutzen kein Geld. Die Ideologie von „Woina“ stützt sich darauf, dass jede Aktion ohne Geld und mit bloßen Händen zu realisieren ist. Nur so kann jeder gesunde und untalentierte Mensch die Aktionen wiederholen. Keiner darf sein Nichtstun damit entschuldigen, dass er kein Geld hat. Nieder mit der Arbeit, alle auf die Barrikaden. Die einzige Arbeit ist die Revolution.

          Im letzten Jahr hat der Street-Art-Künstler Banksy einen Teil Ihrer Kaution bezahlt. Warum tun Sie es dem Engländer nicht gleich, sondern geben Ihre Identität preis?

          Ein wichtiger Teil unseres Aktionismus ist es, sich im eigenen Namen zu artikulieren und nicht hinter Pseudonymen zu verstecken. Wir sind Revolutionäre. Revolutionäre sind keine Lebenden, sondern Tote auf Urlaub, und vor dem Tod gibt es keine Verstecke.

          Wie wird „Woinas“ Beitrag auf der Berlin Biennale aussehen?

          Für uns sind künstlerische Gesten uninteressant. Wir wollen überhaupt nicht im künstlerischen Feld arbeiten. „Woina“ gebärt ein politisches Leben. Unsere Arbeit kann man nicht rahmen und an die Wand hängen. Artur Zmijewski hat das als Erster erkannt. Unser Beitrag zur Biennale ist die Erweiterung der Kunst um ihre politische Bedeutung. Die gewohnheitsmäßigen Formen der Kunst verachten wir abgrundtief.

          Wo befinden Sie sich derzeit, und werden Sie zur Berlin Biennale anreisen?

          In Moskau. Hier ist unsere Front, und wir werden nicht desertieren. Legal können wir die Berlin Biennale nicht besuchen. Beim Versuch, die Grenze zu überqueren, werden wir verhaftet. Jedoch wäre es ein interessantes Abenteuer, nach Berlin zu reisen. Ich denke nicht, dass eine illegale Einreise „Woina“ Schwierigkeiten bereiten würde.

          Ihre Tochter Mama ist im Januar auf die Welt gekommen, Ihr Sohn Kasper ist drei Jahre alt. Wie beeinflusst „Woina“ das Leben Ihrer Kinder?

          Es ist wundervoll. Die Aktivisten Mama und Kasper sind von Geburt an Mitglieder unseres Kollektivs. Kasper ist der jüngste politische Gefangene Russlands. Die Polizei hat ihn dreimal aufgrund seiner aktionistischen Tätigkeiten verhaftet. Er hat mit uns gegen die Polizei gekämpft, an internationalen Ausstellungen teilgenommen und ist der jüngste Kurator aller Zeiten. Jedem anderen Künstler gelingt diese Karriere nicht einmal im ganzen Leben. Lobet „Woina“!

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