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Flügellahme Windräder : Bis hierher und nicht weiter!

Wusch, wusch, wusch: Leiser, aber unablässiger Schall als Preis der Energiewende Bild: dpa

Tausend Meter Abstand sollen künftig zwischen Windrädern und menschlichen Besiedlungen eingehalten werden, damit Bewohner nicht in den Wahn getrieben werden. Doch was macht eine Siedlung zur Siedlung?

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          Es ist ja richtig, dass Abstandsregelungen, also Übereinkünfte der Art „Bis hierher und nicht weiter!“ im Allgemeinen etwas Gutes und nicht etwas Schlechtes sind. Aus der Verbitterungsforschung wissen wir: Verbitterung stellt sich ein, wenn Abstände nicht eingehalten werden, wenn unterschiedslos auf Augenhöhe bestanden wird, wenn nahe, näher, zu nahe getreten wird, kurzum wenn sich in Sozietäten, die dem Gesetz des Wiedersehens gehorchen, gegenseitig auf den Leib gerückt wird. Umgekehrt hat man es in dem Maße mit verbitterungsfreien Zonen zu tun, in welchem Nahverhältnisse eine Ordnung des Abstands kennen, also den enthemmten Begegnungsdrang höflich zu regulieren verstehen.

          Das ist in etwa der anthropologische Hintergrund, den Peter Altmaier, der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, beim Thema Windenergie in Anspruch nimmt. Altmaier möchte im Zuge des Kohlenausstiegsgesetzes das Baugesetzbuch dahin gehend ändern, dass – laienhaft gesprochen – Windräder mit ihrem zermürbenden Auftritt, mit ihrem sachten, aber unablässigen „wusch, wusch, wusch“, mit dieser „in den Wahn treibenden Schallemission“, wie Detlef Ahlborn vom Dachverband der Bürgerinitiativen gegen Windkraft sagt –, dass diese Apparate künftig nur mit einem Mindestabstand von tausend Metern zur nächsten Besiedlung errichtet werden dürfen. Die Klagewelle gegen Windräder wird damit auf ein neues Gebiet umgelenkt, zu der Frage nämlich: Welche Siedlungsformen taugen im baurechtlichen Sinne als Bollwerk gegen das Windrad? Wer muss wie wohnen, um dem Betreiber neuer Windräder sagen zu können: Bis hierher und nicht weiter?

          Altmaier fasst seinen Mindestsiedlungsbegriff feinsinnig so auf, dass es hierbei um wenigstens sechs zusammenhängende Wohngebäude in einem Dorfgebiet gehe oder in einem Gebiet, das nach Eigenart der näheren Umgebung einem Dorfgebiet entspreche. Das Windige der juristischen Systemsprache sorgt für energetischen Durchzug. Kann jetzt jeder Weiler, jeder Flecken, dessen Drumherum irgendwie an ein Dorf erinnert, der Energiewende den Wind aus den Segeln nehmen? Man braucht eine Topographie des Abstands nur so anzulegen, dass jede Nähe sich von selbst verbietet. Wusch, wusch, wusch: Leise, aber stetig werden sie flügellahm, unsere Windräder, der höfliche Herr Altmaier weiß Mittel und Wege.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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