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Der 1. Mai in Berlin : Wofür noch mal dagegen?

  • -Aktualisiert am

Berliner Tradition: das 1.-Mai-Theater Bild: REUTERS

Die Erwartungen an den 1. Mai waren größer als sonst. Würden sich erste Anzeichen einer Revolution abzeichnen, wäre es anders, radikaler, politischer? Doch es war wie immer: eine unsägliche Hassparade und Verschwendung von Energie.

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          Die Erwartungen an den 1. Mai waren dieses Jahr größer als sonst. Würden sich an diesem Tag, an dem traditionell die Arbeiterbewegung auf die Straße geht, um ihren Unmut über die bestehenden Verhältnisse kundzutun, erste Anzeichen einer Revolution abzeichnen, auf die ja momentan alle zu warten scheinen? Wäre es anders als sonst, radikaler, gewalttätiger, politischer?

          Am frühen Vormittag ist in Berlin noch alles ruhig. Die S3 in Richtung Erkner ist bis zur Haltestelle Ostkreuz fast leer, dann steigt die linke Szene zu, viele sind dunkel gekleidet, viele tragen Sonnenbrillen, und zwar diese schmalen, die von ganz alleine aussehen wie schwarze Balken auf Verbrecherfotos. Ihr Ziel ist die Haltestelle Köpenick, wo die NPD an diesem sonnigen Vormittag eine Versammlung angekündigt hat. Zwei junge Männer unterhalten sich über die Vorfälle der vergangenen Walpurgisnacht. In der Boxhagener Straße in Berlin-Friedrichshain hätten ein paar betrunkene Punks Papier angezündet und später auch andere Sachen, sagt der eine. Aber viel hätten die Bullen dieses Jahr nicht zu tun gehabt. Er klingt enttäuscht. „Noch fünf Jahre, und der Kiez ist sturmfrei für den Kapitalismus.“

          Langer Rückstau

          An der Haltestelle Köpenick werden die Antifaschisten von sehr vielen Polizisten in Empfang genommen. Diese stehen in Gruppen auf dem Bahnsteig, sie scheinen sich den Farben ihrer Kleidung nach zusammengefunden zu haben, manche tragen Blau, andere Grün, wieder andere Schwarz, und alle sehen aus, als müssten sie sich gerade sehr konzentrieren. Ein paar junge Leute haben sich direkt vor der Treppe, die zum Ausgang führt, auf den Boden gesetzt, so dass ihre Mitdemonstranten nun einen langen Rückstau hinnehmen müssen, bevor sie vorsichtig an ihnen vorbeisteigen können.

          Berliner Tradition: das 1.-Mai-Theater Bilderstrecke
          Der 1. Mai in Berlin : Wofür noch mal dagegen?

          Immer den ordentlich aufgereihten Polizisten nach, geht es dann unter der S-Bahn-Überführung hindurch zum Mittelpunkt der Versammlung, wo ein Wagen steht, in dem ein Mikrofon aufgebaut ist, in das hier in den nächsten Stunden nacheinander Aktivisten und Politiker ihre Meinung zum Thema Neonazis hineinsprechen. Sie alle eint, dass sie in Neonazis keine wie auch immer fehlgeleitete Menschen zu sehen scheinen, sondern einfach „braunen Dreck“, wie unter anderem Walter Momper sich ausdrückt, was die Unmöglichkeit, eine Lösung zu finden, sprachlich zementiert: denn Menschen lassen sich halt nicht wegputzen wie Dreck.

          Familiäre Stimmung

          Sehr unterschiedliche Leute haben sich immer gleich zu gleich zusammengestellt: ältere Menschen mit roten Nelken im Knopfloch, Punks mit aufgestellten Irokesenkämmen, junge Eltern mit schwer navigierbaren Kinderwagen, junge Leute mit politisch aktiven Brillen. Die Stimmung ist so familiär wie sympathisch: Deutsche gehen gegen Nazis auf die Straße, schade, dass es das nicht in den dreißiger Jahren schon gegeben hat.

          Um die S-Bahn-Station herum ist die Lage deutlich ungemütlicher. Hier stehen die schwarz Gekleideten und scheinen auf irgendetwas zu warten, offiziell wohl auf die angekündigten Neonazis, aber irgendeine Reaktion der Polizei auf ihre ständigen „Bullenschweine!“-Rufe täte es wahrscheinlich auch. Die meisten hier sind vielleicht Anfang zwanzig, es sind deutlich mehr Männer als Frauen, viele trinken Bier. Begleitet von Trommeln rufen sie im Chor „Alerta, alerta, Antifascista!“ oder „Deutschland ist scheiße, wir sind die Beweise“, wobei aus ihrer Sicht doch eigentlich die Gegenseite dafür den Beweis erbringen müsste, aber gut, Selbsthass ist wohl lagerübergreifend.

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