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Denkmalschützer Michael Petzet : „Die Unesco ist eine geduldige Institution“

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Michael Petzet am Bauplatz der Waldschlößchenbrücke Bild: picture-alliance/ dpa

Die Unesco hätte nicht mehr tun können: Michael Petzet war lange Zeit der oberste Denkmalschützer weltweit und hat das Welterbe-Komitee in der Elbtal-Frage beraten. Ein Interview.

          3 Min.

          Bis vor kurzem war Michael Petzet noch der oberste Denkmalschützer weltweit: Von 1999 bis 2008 war er Präsident des Internationalen Rates für Denkmalpflege Icomos, der die Unesco in Weltkulturerbefragen berät. In dieser Funktion hat Petzet gegen den Bau der Waldschlößchenbrücke im Dresdener Elbtal protestiert. Heute ist der 76-jährige als Ehrenpräsident von Icomos nach wie vor beratend tätig und leitet das Deutsche Nationalkomitee des Rates in München.

          Der Verlust des Weltkulturerbe-Titels durch die Unesco war wohl keine Überraschung für Sie?
          Nein, in der Tat, wenn auch aus deutscher Sicht besonders bedauerlich. Oft genug hat die Unesco ihre Bedenken gegenüber dem Bau der Waldschlößchenbrücke geäußert und mit der Aberkennung des Titels gedroht. Sie hätte ihre Glaubwürdigkeit verloren.

          Wie wird solch eine Entscheidung eigentlich genau getroffen?
          Die Unesco hat 193 Mitgliedsstaaten und ist also eine riesige internationale Organisation. Damit die Abstimmungsprozesse des Welterbe-Komitees übersichtlich bleiben, sind nur 21 Länderdelegationen stimmberechtigt, die alle sechs Jahre neu gewählt werden - ein ganz demokratisches Verfahren. Aber die nicht stimmberechtigten Staaten äußern sich unter Umständen auch und es gibt nur ein Treffen pro Jahr wie jetzt in Sevilla. Deshalb können Diskussionen manchmal sehr lange dauern. Zum Beispiel ist Deutschland gerade nicht stimmberechtigt, aber durch das Auswärtige Amt oder Brigitte Ringbeck vertreten, die Beauftragte der Kultusministerkonferenz beim Welterbekomitee ist.

          Wie setzen sich diese Länderdelegationen zusammen?
          In der Welterbekonvention steht glaube ich, dass auch Fachleute dabei sein sollten. In den Delegationen sind Denkmalschutz-Experten aus den einzelnen Ländern vertreten, aber insbesondere Diplomaten und Juristen. Wie sich die Delegationen allerdings genau zusammensetzen, ist jedem Land überlassen.

          Und welche Rolle spielt Icomos im Entscheidungsprozess?
          Unsere Aufgabe bei dem Welterbe-Komitee ist die Beratung in Fragen des Weltkulturerbes, insbesondere die Eintragung von neuen Vorschlägen. Das ist ein langwieriger Prozess. Sagen wir mal, es kommt ein Vorschlag von der Kultusministerkonferenz über das Auswärtige Amt ins Welterbezentrum nach Paris. Dann erst kann Icomos mit der Begutachtung beginnen, um den außerordentlich universellen Wert dieses Ortes festzustellen. Außerdem führt Icomos eine eigene Zusammenstellung möglicher Lücken in der Welterbeliste. Aber wir haben keinen Einfluss darauf, welche Vorschläge Mitgliedsstaaten einreichen. Neben uns ist zudem das ICCROM, das Internationale Restaurierungszentrum in Rom beratend tätig. Für das Weltnaturerbe hingegen ist die IUCN, die Internationale Union zur Erhaltung der Natur zuständig. Wie im Fall des Dresdener Elbtals berät Icomos aber auch zu gefährdeten Orten, also zur sogenannten Roten Liste.

          Was hat Icomos Dresden beziehungsweise der Unesco hier genau empfohlen?
          Dass wir grundsätzlich Probleme mit einer Brücke haben. Die Kulturlandschaft Elbtal wird dort einfach an ihrer empfindlichsten Stelle durchschnitten. Wir waren der Meinung, dass ein Tunnel die harmlosere Lösung wäre. Und es gab auch durchaus realisierbare Vorschläge von vielen Seiten. Unserer Einschätzung nach wäre dies ein möglicher Kompromiss gewesen.

          Warum wurde darauf nicht eingegangen?
          Ich habe den Eindruck, dass die Dresdener einfach denken, dass sie den Welterbe-Status nicht nötig haben. Man wollte vielleicht nicht durch die Bedenken der Denkmalpflege behelligt werden. So würde ich die Haltung der Sächsischen Regierung interpretieren.

          Bisher hat die Unesco nur einmal einem Naturschutzgebiet in Oman den Welterbe-Titel aberkannt. Ist die Entscheidung zum Elbtal eigentlich ein denkmalschützerischer Skandal?
          Nein, eigentlich nicht. Man hätte die Entscheidung bei guten Willen einfach vermeiden können. Als Präsident von Icomos International war ich dauernd mit solch schwierigen Fällen befasst.

          Welche Folgen hat der Verlust des Welterbe-Status für das Elbtal?
          Im Grunde genommen gehen die Forderungen der Unesco nicht darüber hinaus, was Denkmalschutzgesetze in einzelnen Ländern bereits garantieren. Ich hoffe, dass das Sächsische Denkmalschutzgesetz auch in Zukunft so angewandt wird, dass die historischen Stätten und Denkmäler, die zum Elbtal gehören, geschützt sind.

          Hat die Unesco in diesem Fall versagt?
          Nein, denn was hätte sie noch tun sollen? Die Unesco ist eine sehr geduldige Institution - und verständnisvoll. Sie versucht immer zu helfen und zu vermitteln. Die Rote Liste ist ja nicht als Strafe gedacht, sondern soll unterstützend wirken. In solchen Fällen stellt die Unesco sogar Mittel zur Verfügung.

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