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Yücel-Rücktritt bei PEN : „Möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein“

PEN-Präsident Deniz Yücel bei der Mitgliederversammlung in Gotha Bild: dpa

Deniz Yücel ist nach einer turbulenten Jahrestagung des Schriftstellerverbands PEN als Präsident zurückgetreten. Zuvor wurde der Journalist noch mit knapper Mehrheit in seinem Amt bestätigt.

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          Auf der Jahrestagung des deutschen Schriftstellerverbands PEN hat dessen Präsident Deniz Yücel am Abend einen Abwahlantrag gegen ihn mit knapper Mehrheit überstanden – und ist im Anschluss dennoch zurückgetreten. Der 1973 in Flörsheim am Main geborene Journalist, der etwa ein Jahr lang wegen angeblicher Terrorpropaganda in türkischer Untersuchungshaft saß, war erst im Oktober 2021 in der Frankfurter Paulskirche gewählt worden – und erklärte in Gotha, als die Auseinandersetzungen auch nach der Abstimmung nicht aufhörten, seinen Rücktritt: „Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein“, schrie Yücel ins Mikrofon. „Ich trete zurück!“

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.
          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In Gotha waren 125 Mitglieder des deutschen PEN zusammengekommen und hatten sich in einer atemberaubend toxischen Atmosphäre zehn Stunden lang angebrüllt, des Mobbings, der Verleumdung und der Unaufrichtigkeit beschuldigt. Schon um das Prozedere und die Tagesordnung gab es erbitterten Streit, der immer wieder tiefe Risse zwischen den Mitgliedern offenbarte, die teils nicht mehr zu kitten schienen - was diese sichtlich erhitzte und nach verschiedenem Bekunden sehr erschütterte, auch Tränen waren zu sehen. Es lagen sowohl ein Antrag zur Bestätigung Yücels und zweier anderer Vorstandsmitglieder im Amt vor als auch einer zu seiner Abberufung. Beide Anträge argumentierten zum Wohle des PEN.

          Im Antrag zur Bestätigung Yücels sagten 61 Mitglieder: „Wir wünschen, dass die dem Ansehen des PEN schädlichen Querelen ein Ende haben.“ Das Präsidium arbeite „in seiner Mehrheit harmonisch, demokratisch und erfolgreich im Sinne der Charta des PEN für bedrohte Kollegen und Kolleginnen“ und solle dies in Ruhe fortführen. Der Antrag auf Abwahl Yücels hingegen war von einem Erschrecken über dessen „Umgangsstil, Sprache und Herrscherallüren“ die Rede, woraus sich eine „tiefgreifende und systemische Störung des Anstands und der Würde des PEN“ ergeben habe. Das bezog sich etwa auf interne Mailwechsel und Diskussionen, bei denen Mitglieder vom Präsidium beleidigt worden seien und aus dem Verband gedrängt werden sollten. Obwohl es immer wieder bestritten wurde, offenbarte sich in Gotha auch ein Generationenkonflikt in der Schriftstellervereinigung über die Frage, was heute ihre Aufgaben seien und wie sie sich zeitgemäß der Öffentlichkeit präsentieren solle.

          PEN-Treffen in angespannter Atmosphäre

          Zuletzt sprach eine knappe Mehrheit Yücel mit 75 Stimmen das Vertrauen aus, 73 Mitglieder stimmten für seine Abberufung. Die Schuldzuweisungen und Beschimpfungen von beiden Seiten hörten aber auch nach dieser Abstimmung nicht auf. Wie der heillos zerstrittene Verein wieder zur Sache kommen und sich seinen Aufgaben widmen will, ist nach dieser Sitzung völlig unklar.

          In Gotha war die Stimmung auf der am Donnerstagabend mit der Verleihung der Kurt-Sigel-Lyrikpreise begonnenen Tagung zunächst schwer einzuschätzen gewesen, es war auch noch kurz eine gewisse Freude darüber zu spüren, dass man nach zweimaligem pandemiebedingtem Ausfall überhaupt wieder physisch zusammenkommen konnte. Aber die war am Freitagmorgen schnell verflogen, schon vor der Begrüßung durch Yücel gab es Zwischenrufe, später oft höhnisches Lachen.

          Der Streit im deutschen PEN hat verschiedene Dimensionen: Er entzündete sich zum einen an öffentlichen Äußerungen Yücels wie seiner Forderung einer Flugverbotszone über der Ukraine, die fünf seiner Amtsvorgänger als unvereinbar mit der PEN-Charta sahen. Aber es ging in Gotha vor allem um interne, dann öffentlich gemachte Vorgänge, um Rechenschaftsberichte und Aufgaben sowie um die Frage, ob der Verband sein Engagement eher auf das Politische oder auf das Literarische ausrichten solle. Yücel selbst bescheinigte sich eine große Steigerung der Aufmerksamkeit für den PEN, was wiederum höhnisch kommentiert wurde.

          Auf Twitter erläuterte Yücel noch am Abend die Gründe für seinen Rücktritt: „Wir mussten heute feststellen, dass unsere Versuche, den deutschen PEN zu einer modernen NGO zu machen und ihm in zeitgemäßer Form seiner alten Relevanz als Intellektuellenvereinigung zurückzugeben, von einer Mehrheit nicht gewollt“ seien. Und trat dann noch nach: „Der PEN von heute hat nichts mit der Ahnengalerie zu tun und nur wenig mit der namhaften Mitgliederliste. Er wird dominiert von Spießern und Wichtigtuern Ü70, die ihre Mitgliedschaft als Ausweis der eigenen Zugehörigkeit zur publizistischen oder literarischen Elite brauchen.“

          Insgesamt hat das deutsche Kapitel der internationalen Schriftstellervereinigung PEN („Poets, Essayists, Novelists“) laut eigenen Angaben 770 Mitglieder, die auch digital abstimmen konnten, wobei es über die Modalitäten Streit gab. Die Jahrestagung dauert noch bis Sonntag an.

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