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Radikalisiertes Österreich : Aufstand der beleidigten Massen

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Aber wie kann man jemanden demokratisch bekämpfen, der jeden Diskurs verweigert? Natürlich könnte man Rechtsextreme verbieten. Aber damit schaffte man Mythen. Die Erzählung von der Bewusstwerdung der Massen ist bestenfalls eine Legende, weil man sich gar nicht bewusst werden will. Es geht ja um irrationale Wut und nicht um etwas, das man übersehen hätte. Die Hoffnung auf Entzauberung, wenn die Rechten regieren, birgt die Gefahr, dass nach dieser Periode nichts mehr von dem übrig ist, was mehr als zweihundert Jahre erkämpft wurde. Und vieles davon würde nicht mehr revidierbar sein. Ergo läuft alles auf einen Kampf hinaus. Und für diesen braucht es eine zweite kämpferische Seite, die etwas Konstruktives will. Die beleidigte Masse will in ihrer Beleidigung abgeholt werden.

Es werden keine Milieus mehr geschaffen

Leider gilt zu befürchten, dass selbst der brillante Neo-Kanzler Christian Kern an dieser Vermobisierung scheitern könnte. Obwohl er alles richtig macht. Und der FPÖ-Riege in allen Belangen überlegen ist. Aber genau dieser Art von Emporkömmling gegenüber – Arbeiterkind nutzt Bildung und distanziert sich vom eigenen Milieu – ist die große Masse beleidigt. Auch wenn er sich sehr darum bemüht, sein Herkunftsmilieu nicht zu denunzieren und moderne, visionäre Ansätze für Sozialdemokratie zu finden. Auf der bürgerlichen Seite sieht es ähnlich aus. Da versucht man sich an die Rechten zu schmiegen und vergisst alles, was das Ethos von bürgerlichen Werten einmal ausmacht hat. Man hat das Gefühl, der Abschaffung der eigenen Milieus zugunsten einer haltlosen Affektpolitik zuzusehen. Politiker wie Innenminister Sobotka oder der junge Außenminister Kurz haben den Jargon der Rechten längst zu ihrem eigenen gemacht.

Wir leben in pragmatischen Zeiten. Das Handeln steht im Vordergrund. Lieber ein Experiment mit ungewissem Ausgang als gar keine Bewegung. Gleichzeitig spiegelt die Sehnsucht nach einem starken Mann die Angst vor einer offenen Zukunft. Dabei geht es gar nicht so sehr um Arbeitslosigkeit als um Perspektivenlosigkeit. Denn selbst die Arbeitenden identifizieren sich kaum noch mit ihrer Beschäftigung. Es werden keine Milieus mehr geschaffen: Das Gefühl, dass ein Arbeiter in der Straßenbahn fährt, die er selbst mitgebaut hat, ist verlorengegangen. Ein Milieu ist nur noch etwas, das man überwinden muss. Aus der Arbeiterschicht wurde die Unterschicht, deren Ästhetik von Shopping Malls geprägt ist.

Sehnsucht nach etwas Gemeinsamem

Vorhandene Arbeit bindet nicht mehr genügend Zeit und Gedanken. Und schon gar keine Loyalität. Niemand sitzt mehr richtig. Man hat das Gefühl, in einer Gesellschaft der Überforderten und Unterforderten zu leben. Eine aufgeriebene Zeit, in der sich niemand mehr auf irgendjemanden verlassen kann, in der man die Gemeinsamkeiten zu vertuschen versucht, weil verordneter Individualismus herrscht und Interessenvertretungen ein Zeichen von Schwäche sind. Wir leben in Zeiten, in denen Zweifel verpönt sind und alles vom Vorurteil aus gedacht wird. So lange, bis es widerlegt wird. Aber dazu lassen es die Rechten nicht kommen - denn dann könnte das Zweifeln beginnen.

Bleibt die Frage: Was tun? Leider versuchen die alten Parteien, auf den Zug der Rechten aufzuspringen, und treiben ihnen damit die Massen zu. Den Linken bleibt das Kämpfen. Nicht umsonst hat Kern vor kurzem das Wort „Maschinensteuer“ in den Diskurs eingeführt. Das sind natürlich halbherzige Versuche, die alte linke kämpferische Kultur wiederzubeleben. Doch in Wahrheit geht es um die Wiedererschaffung von Milieus. Nur so kann es wieder zu nachhaltiger Identifikation mit konstruktiver Politik kommen. Und diese Milieus werden neu sein, aus der digitalen Welt kommen. Es geht um die aktive Gestaltung von Lebenswelten. Denn eines offenbart die Wut der Rechten: die Sehnsucht nach etwas Gemeinsamem.

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