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Demokratie im Virentest : Corona-Vorbild China?

Gibt den Weltenretter: Der chinesische Präsident und KP-Chef Xi Jinping. Bild: dpa

Den Ländern der Europäischen Union macht die Corona-Pandemie schwer zu schaffen. Ist das ein Grund nach China oder Russland zu schauen?

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          Das Coronavirus wütet in Europa. Es fordert Tausende von Toten, aber wie es scheint, rafft es auch das europäische Selbstbewusstsein dahin.

          Denn wie kann es sein, dass China, Südkorea, Singapur, Taiwan, ja vielleicht sogar Russland und die Türkei schaffen, was die EU-Länder nicht vermögen – das Virus einzudämmen, auf dass die Zeit der Quarantäne, die hierzulande vielen offenbar schon viel zu lange dauert, endlich endet?

          Die Chinesen wollen angeblich die Produktion schon wieder hochfahren, Neuinfektionen gibt es im Reich der Mitte angeblich nicht. Stattdessen sogar einen Überschuss an Schutzmaterial und Corona-Tests, die großzügig an andere Länder verteilt werden. Währenddessen gerät Donald Trump in den Vereinigten Staaten in Panik und warnt, es könnten Hundertausende dem Virus zum Opfer fallen. Die westlichen Demokratien – ein einziger failed state.

          Das Erstaunliche an derlei Selbstverzwergung, wie sie in der Medienberichterstattung und in abendlichen Talkrunden aufscheint, ist, dass sie so schnell auftaucht, wie die Warnungen vor einer Pandemie bis vor wenigen Wochen in den Wind geschlagen wurden. Dabei wissen wir nicht einmal ansatzweise, ob man sich auf die Angaben des so mächtig scheinenden China verlassen kann.

          Ausgebreitet hat sich das Virus in den Tagen und Wochen, in denen es dort zuerst ganz verschwiegen wurde und die Provinz Hubei noch nicht abgeriegelt war. Wie schnell das Virus um den Erdball reiste, hat die „New York Times“ in einer interaktiven Karte, die auf der Auswertung von Mobilfunkdaten beruht, eindrucksvoll dargelegt. Wie viele Infizierte und Tote es in China wirklich gab und gibt, wissen wir nicht.

          Einheimische Reporter, die selbst recherchieren, verschwinden, ausländische Korrespondenten werden ausgewiesen. In Australien kaufen chinesische Händler den Markt für Schutzmasken und Desinfektionsmittel leer, für Europa hat China dann erstaunlicherweise wieder Hilfsmittel übrig. Nur taugen diese, wie die nach Spanien gelieferten Corona-Tests, ebenso wenig wie die russischen Militärs, die in Italien gelandet und auf die Bekämpfung biologischer und chemischer Kampfstoffe spezialisiert sind – mit dem entsprechenden, für Virenbekämpfung untauglichen Gerät.

          Das alles wird begleitet von massiver Propaganda und Desinformation, welche die EU-Kommission vor allem russischen Medien anlastet. Diese hat nichts anderes zum Ziel, als die Demokratie und die auf Menschenrechte und Freiheit gründende Gesellschaft für die nicht nur gegen Viren weniger resistente erscheinen zu lassen. Wer die Beiträge der in China, Russland oder auch der Türkei arbeitenden Korrespondenten liest, weiß, was für eine fadenscheinige Camouflage autokratischer Regimes das ist. Sie werden sich auch in der Pandemie der Demokratie nicht als überlegen erweisen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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