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Demographiepolitik ohne Konzept : Jedes Alter zahlt

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Dabei geht es nicht nur um freie Stellen, sondern um die generelle Alterung ganzer Belegschaften. Weil die Mitarbeiter den Firmen künftig länger erhalten bleiben, steigt der Altersschnitt im Unternehmen weiter. Nach wie vor sind es aber die Jungen, die das neue Wissen von den Universitäten mitbringen und auch risikobereiter sind. Das Land braucht somit junge Eliten von anderswo, aus Indien, Brasilien oder Nordafrika, wo sie in atemberaubendem Tempo nachwachsen und über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet werden. Wir müssten uns deshalb ganz offensiv um einen Brain Gain, einen Gewinn an Humanvermögen aus der ganzen Welt bemühen. Anderenfalls gehen wir den japanischen Weg und verschenken unsere Vorreiterrolle in Europa und der Welt.

Japan, wo die Kinderzahlen noch niedriger sind als in Deutschland, sperrt sich gegen jede Zuwanderung und steuert offenen Auges auf ein Dasein als ethnisch homogenes Altersheim zu. Die Bevölkerung schrumpft, der Binnenkonsum bricht ein, und die Staatsverschuldung ist mittlerweile auf das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung gestiege; die ersten Experten sprechen dem Land mittlerweile generell die Reformfähigkeit ab. Die Krise verschärft sich, weil einstigen Vorzeigeunternehmen und Technologieführern wie Sony, Sharp oder Panasonic die frischen Ideen ausgegangen sind. Die Riesen der Vergangenheit schreiben nur noch rote Zahlen. Ein Narr, wer nicht erkennt, dass dies mit der demographischen Entwicklung zusammenhängt.

„In allen Regionen Deutschlands“

Ähnlich wie dort schrumpft auch hierzulande die Bevölkerung - bis 2050 um mindestens zwölf Millionen. Dies entspricht immerhin der gesamten Einwohnerschaft der zwölf größten Städte, von Berlin bis Leipzig. Der Rückgang gilt im Übrigen unter einer Annahme von Zuwanderungszahlen, die Deutschland im Mittel der vergangenen Jahre gar nicht erreicht hat. Der Schwund wird sich aber nicht gleichmäßig über das Land verteilen, sondern vor allem jene Gebiete treffen, die schon heute unter der Abwanderung junger Menschen leiden: periphere ländliche Räume und alte Industriereviere, die den Strukturwandel nicht bewältigt haben. „Wolfserwartungsland“ heißen solche Regionen schon in Politikerkreisen.

Aber genau dieses Leerlaufen will die Bundesregierung verhindern. Spätestens hier führt die Strategie auf absurdes Terrain. Denn sie setzt sich nicht nur „mit Nachdruck für das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse“ ... „in allen Regionen Deutschlands ein“. Sondern sie legt auch „einen besonderen Schwerpunkt auf die Unterstützung von Regionen, in denen die demographische Entwicklung zu sinkender Attraktivität für die Einwohner und Wirtschaft führen kann“. Ob die begrenzten Mittel dort am besten investiert sind, wo die Erfolgsaussichten am geringsten sind, ist die eine Frage. Die andere ist, warum dieses Konzept, das seit zwanzig Jahren erfolglos umgesetzt wird, jetzt alles besser machen soll.

Ländliche Gebiete in Sachsen-Anhalt, in Vorpommern oder Brandenburg brauchten mittlerweile eine regelrechte Besiedlungspolitik nach dem Vorbild von Friedrich II., wollte man all die Schulen und Kindergärten, die Kulturscheunen, Museen und Spaßbäder mit Leben füllen und die Unterhaltskosten für Kläranlagen, Fernwärme und Wasserleitungen decken. Manche Politiker in der Provinz und sogar in Länderministerien rufen bereits nach einer Einwanderung, denn ohne Konsumenten, Gebühren- und Steuerzahler braucht der Letzte das Licht bald nicht mehr auszumachen. Die Energieversorger stellen den Strom schon vorher ab.

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