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Demographiepolitik : Herr Minister, wir schrumpfen!

  • -Aktualisiert am

Im Grundgesetz ist die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ angemahnt: das Konstrukt der alten Bundesrepublik, die nur Wachstum kannte. Das ist längst eine Illusion. Ein Plädoyer für eine neue Demographiepolitik.

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          Deutschland schrumpft. Seit 2003 hat die Zahl der Einwohner zwischen Rügen und dem Bodensee bereits um rund eine halbe Million abgenommen. Den Prognosen zufolge dürften sich die Verluste bis 2050 auf etwa acht Millionen summieren. Diese Zahl entspricht der Einwohnerschaft der fünf größten Städte Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt zusammengerechnet.

          Natürlich werden genau diese Zentren nicht von der Landkarte verschwinden. Der Schwund wird vielmehr zu Lasten jener Gebiete gehen, die schon länger von Abwanderung und Alterung betroffen sind. Sie liegen vorwiegend im Osten Deutschlands, breiten sich mittlerweile aber immer weiter nach Westen aus. Rund fünfzig Prozent aller Kreise schrumpfen bereits. Sachsen-Anhalt dürfte im Zeitraum zwischen der Wende und 2025 ein Drittel seiner Bewohner verloren haben, der Landkreis Hoyerswerda in Sachsen mehr als die Hälfte. Man mag bedauern, wenn sich einst belebte Gebiete entvölkern; aber es lässt sich offensichtlich nicht verhindern.

          In der Schrumpfspirale

          Auch die Politik hat diese Zahlen auf dem Tisch. Doch sie weigert sich, angemessen darauf zu reagieren. Jedes Ministerium mit einem Bezug zum ländlichen Raum hat dabei seine eigenen Durchhalteparolen, aber im Grundton klingen sie alle gleich: Kein Flecken wird aufgegeben! Allein wie das funktionieren soll, ist unklar. Was in den vergangenen zwanzig Jahren unternommen wurde, um den Schwund in peripheren Gebieten aufzuhalten – es hat nicht gefruchtet. Die klassische, wachstumsorientierte Strukturpolitik – Industrie ansiedeln, Gewerbe- und Wohngebiete ausweisen – ist ins Leere gelaufen, weil in den betroffenen Regionen kaum noch Nachwuchs zur Welt kommt und vor allem junge Menschen aus guten Gründen abgewandert sind. Die Regionen der neuen Bundesländer, die sich derzeit gegen den Trend demographisch stabilisieren, wie Leipzig, Dresden oder Jena, schaffen dies nur, indem sie ihr eigenes Umland leer fegen. Sie verschärfen das Problem der Schrumpfgebiete, ohne ihre eigenen Zukunftsaussichten grundlegend zu verändern.

          Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

          Auch die Strategie, sich notgedrungen an das Schrumpfen anzupassen, bringt keine Wende: Wo Schulen schließen, Buslinien eingestellt und Ämter zusammengelegt werden, ziehen gerade junge Familien erst recht weg. Anpassen fördert den demographischen Niedergang, auch wenn das Gegenteil geplant war. Das Dilemma zeigt, dass Deutschland nicht nur eine neue Demographiepolitik braucht, sondern dass wir uns auch generell von einem Phantom verabschieden müssen. Denn die Grenzen des Wachstums zeigen sich an allen Fronten: Der Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre sollte besser nicht weiter ansteigen; die Ölvorräte sind bald zur Hälfte erschöpft; seltene, aber ungemein wichtige Metalle wie Rhenium oder Gallium gehen deutlich früher zur Neige, so dass niemand so recht weiß, wie wir künftig unsere Flugzeugturbinen und Solarzellen bauen sollen. Nennenswertes Wirtschaftswachstum in früh industrialisierten Nationen, deren Konsum längst gesättigt ist und die ihren demographischen Höhepunkt hinter sich haben, ist kaum noch vorstellbar.

          Neue Modelle für Schrumpfgebiete

          Wir brauchen daher schleunigst Wege für ein Wohlergehen der Gesellschaft ohne Wachstum und sollten nicht versuchen, es dort zu erzeugen, wo es gar nicht möglich ist. In diesem Sinne sind die deutschen Schrumpfgebiete die Testfelder für die Welt von morgen. Sie müssen lernen, auf neuen Wegen zu alten Zielen zu kommen. Denn die Ziele der Gesellschaft bleiben gleich: Auch dort brauchen die Menschen Energie und Trinkwasser, soziale Sicherheit, Schulen und Verkehrsmittel.

          Wer diesen Gebieten eine Chance geben will, muss ihnen Freiheit gewähren, damit sie testen können, was überhaupt noch geht. Bis dato werden etwa Schulen über eine normierte Klassengröße und Schülerzahl definiert. Werden die Normen unterschritten, bleibt nur die Schließung. Mehr als zweitausend Schulen im Osten Deutschlands haben dies erfahren. Vergisst man die Normen und Formen, so sind ganz andere Modelle möglich: Zwergschulen, Schulen, die im Turnus an zwei verschiedenen Orten stattfinden oder von einer Zentrale aus mit Lehrern versorgt werden, damit nicht viele Schüler, sondern nur wenige Lehrer pendeln müssen. In Deutschland ist undenkbar, was in Finnland normal ist: Dort haben vierzig Prozent der Schulen nicht mehr als fünfzig Schüler. Wie schaffen die es nur, die Pisa-Sieger auszubilden?

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