https://www.faz.net/-gqz-toga

Demographie : Ja, lernt denn der alte Holzmichl noch?

  • -Aktualisiert am

Sich in diesem virtuellen Zoo zurechtzufinden, ist gar nicht einfach Bild: Christian Thiel

Die Gesellschaft von morgen wird von der Lernfähigkeit älterer Menschen abhängig sein. Alternsforscher suchen nach Trainingsprogrammen, um die Grenzen des Lernens im Alter auszutasten. Denn sie denken über die Rente mit 67 hinaus.

          Auf den Straßen deutscher Städte tobt ein Bilderkrieg. Der Deutsche Gewerkschaftsbund plakatiert als Ikone der modernen Arbeitswelt einen erschöpften älteren Mann. Er wird zum Protest gegen das neue Rentenalter von siebenundsechzig Jahren eingesetzt, das die Bundesregierung gegen alle Widerstände heute beschließen will. Der DGB-Mann hat sich, so wie er aussieht, schon mit Anfang Sechzig krumm und krank geschuftet, er soll sich endlich ausruhen dürfen.

          Die gegenläufigen Bilder im Straßenraum, oft nur ein paar Schritte weiter, zeigen hochvitale ältere Menschen, deren graue Haare silbrig glänzen. Mal im Urlaub, mal am Arbeitsplatz, strahlen sie Energie und Selbstvertrauen aus. Sie stehen für jene „neuen Alten“, die nun als vermögende Konsumentengruppe umworben werden. So, wie diese Fünfundsechzigjährigen daherkommen, sind sie so fit, wie ihre eigenen Eltern es vielleicht mit Mitte Vierzig waren.

          Zeit von Verschleiß oder Phase neuer Vitalität

          Der Bilderkrieg könnte schärfer kaum sein. Hier das Alter als Zeit von Verschleiß und sinkender Leistungskraft, dort als Phase neuer Vitalität. Doch wer hat recht? Während die Politik sich mit einer neuen Rentengrenze vorsichtig auf das riesige Terrain dazugewonnener Altersjahre vorwagt, geht die junge Generation von Alternsforschern längst viel weiter. Wissenschaftler wie Martin Lövdén vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erkunden, wie weit sich die aktive, produktive Lebensphase ausdehnen läßt. Sie suchen nach Wegen, die stillen Kraft- und Lernreserven alternder Menschen zu mobilisieren.

          „Wir haben gerade eine Art Härtetest für Ältere konstruiert“, sagt Martin Lövdén und öffnet die Tür zu einem kleinen Kellerraum des Dahlemer Instituts. Auf den ersten Blick sieht das Wildtiergehege mit seinen ordentlichen Wegen und seinen Palmengrüppchen einladend aus, wie das ideale Ziel für einen Sonntagsausflug. Lövdén schickt seine hundert Testpersonen aber nicht zur Erholung hinein: Ältere Menschen werden hier bald im Lernwettkampf gegen Jüngere antreten. Sie sollen zeigen, ob sie sich in dem Gewirr von Wegen und Käfigen so zurechtfinden wie Studenten und Jugendliche. Begleitend wird ihre Gehirnaktivität beobachtet, und es werden Gene analysiert, die an Lernprozessen beteiligt sind.

          Virtueller Orientierungslauf

          In dem Kellerraum hat Lövdén ein Jogging-Laufband installiert, vor dem der virtuelle Zoo auf einem Bildschirm flimmert. Während das Laufband den Probanden Körperkraft abfordert, müssen sie per Joystick zu immer neuen Tiergehegen navigieren, die als Ziele auf dem Bildschirm vorgegeben werden. Das ist harte Arbeit: „Keiner sieht vorher einen Wegeplan, unsere Versuchspersonen müssen über mehrere Tage lernen, sich zurechtzufinden“, sagt der Psychologe.

          Für den vierundreißig Jahre alten Wissenschaftler sind die demographischen Prognosen bis zum Jahr 2050 keine Science-fiction mehr, sondern absehbar Teil des eigenen Lebens. Der Vater zweier kleiner Kinder wäre 2050 selbst achtundsiebzig Jahre alt. Jeder dritte in Deutschland wird dann laut Statistischem Bundesamt zu den Älteren über fünfundsechzig Jahren gehören. Es wird doppelt so viele Ältere geben wie Menschen unter zwanzig Jahren - und allein doppelt so viele Menschen, die ihren sechzigsten Geburtstag begehen, wie es Neugeborene gibt. Die Zahl der Menschen über achtzig Jahre verdreifacht sich auf zehn Millionen.

          Demographische Horrorszenarien

          Die Gesellschaft von morgen wird also von der Lernfähigkeit, Leistungskraft und Motivation älterer Menschen in Wirtschaft, Wissenschaft, Familie und im Ehrenamt so abhängig sein wie keine zuvor. Doch droht ausgerechnet dann eine Gerontokratie der Ermatteten und der als überflüssig Gebrandmarkten? Oder durchkreuzt die neue Generation Älterer die demographischen Horrorszenarien?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.